Gisbert Kranz an seine Eltern, 15. Januar 1947
15.I.47. Meine lieben Eltern! Euer Brief vom 7.I. hat mich erschüttert. Ich begreife das Ausmaß Eures Leids, trage ich doch den gleichen Schmerz: die lange Trennung von Euch, der Verlust meiner Brüder – glaubt Ihr, das ließe mich kalt? Ach könnte ich bei Euch sein, gemeinsam trägt’s sich besser. Ich habe meinen Gefühlen Gewalt angetan, um mit meinem Schmerz nicht noch den Eurigen zu vergrößern. Ich beschränkte mich darauf, Euch auf den Trost hinzuweisen, den die Religion uns bietet. Aber ich weiß und erfuhr es selbst, daß der Schmerz so gewaltig und langandauernd sein kann, daß es schwer fällt, immer das Bewußtsein der Vorsehung und Güte Gottes wachzuhalten. Dann kann der Schmerz fassungslos werden. Aber glaubt, liebe Eltern, daß auch dann noch Gottes Liebe uns umfängt, wenn wir sie nicht zu spüren meinen. Gott zählt jede Eurer Tränen, und keine wird vergessen. Opfern wir unser Leid auf als Sühne für unsere und unseres Volkes Schuld. Dies Opfer wird Gott wohlgefällig sein. Und er wird uns segnen und uns nicht über unsere Kraft versuchen. Mögen diese ungeholfenen Worte, mit denen ich mich selbst zu trösten suche, einiges Licht in die Finsternis euer Not werfen! Seht aufs Kreuz. Da findet Ihr mehr als ich Euch sagen kann. Vergeßt auch nicht, daß Karl und Günter sich wohlbefinden, und daß ihre Seligkeit uns noch wertvoller sein muß als unser Glück, das wir mit ihnen gehabt hätten, wenn sie noch lebten. –
Granderath, Dresen u. Tante Aloisia schrieben mir, und ich habe kaum soviel Formulare, um alle Post, die ich jetzt bekomme, beantworten zu können. (Es ist nicht wahr, daß wir unbeschränkt viele Karten bekommen. Wir erhalten wöchentlich 1 Brief u. 1 Karte zum schreiben.) Dresens Leiden scheint sich gebessert zu haben, u. ich bin froh darum. Wie die gute Tante ihr Kreuz trägt, so gelassen und still und ohne Klage, nötigt mir immer wieder Bewunderung ab. Es gibt viele Menschen heute, vor deren stiller Größe wir uns in Ehrfurcht neigen müssen. Manchmal zeigen Kameraden mir ihre Briefe, erzählen in schlichten Worten ihr Schicksal, und sie tun es so ruhig, daß man sie für stumpf halten könnte. Und doch haben sie gelitten, und wenn sie vielleicht kein Wort pathetischer Klage hervorbringen, so laufen ihnen doch manchmal die hellen Tränen herunter. Manche Not ist noch größer als die unsere, und wir, die so schwer an unserer eigenen Schmerzenslast tragen, verstehen kaum, wie Menschen nicht darunter zusammenbrechen. – Den Empfang all Eurer Post habe ich jedesmal sofort bestätigt. Auch alle Zeitungsausschnitte erhielt ich und las ich mit Anteilnahme. Die ungemein aufschlußreiche Rede des Kardinal Frings habe ich mir aufgehoben. – Ich umarme Euch in inniger Liebe. Euer Gisbert. –
„In der Welt habt Ihr Angst, aber freuet Euch: Ich habe die Welt überwunden!“ So sprach der Herr in den Abschiedsreden zu seinen Jüngeren kurz vor seinem Tode.