Gisbert Kranz an seine Eltern, 19. Januar 1947

19.I.47. Liebe Eltern! Gestern war ich zu den Sakramenten gegangen, hatte geduscht, saubere Wäsche angezogen und lag nun abends mit dem gleichen seligen Gefühl im Bett wie an Samstagabenden in der Kindheit, wo ich, gebeichtet und gebadet, blank an Leib und Seele, in den frischen Laken lag, den Klang der Abendglocken in den Ohren und Freude auf den morgigen Sonntag im Herzen. Ich glaube, das waren die wonnevollsten Augenblicke meines Lebens, gelöst von aller Erdenschwere, buddhistisches Nirwana, stoische Ataraxie und christliches Paradies und Mohammeds siebenter Himmel zugleich – ah! es war ein Vorgeschmack der ewigen Heiterkeit. Und wie ich mich dieser Gefühle erinnerte, schrumpfte ich wieder zum Kinde zusammen, ward wieder das nasebohrende, quietschende, auf Manschetten spuckende, entzückende und besorgniserregende „Gisbertchen“. Inzwischen hat es seine Unarten längst abgelegt und einige Eigenschaften entwickelt, die ihm und seinen Eltern gewiß einmal Ehre machen werden. Und wenn der Erwachsene sich fragt, wem er es verdankt, daß er ein Mensch werden konnte, ausgebildet an Leib, Seele und Geist, so muß er antworten: seinen Eltern. Ja, meine Lieben, laßt es mich Euch einmal gestehen, daß ich mir keine besseren Eltern wünschen könnte als Euch. In welcher Freiheit, Festigkeit und Frömmigkeit habt Ihr Eure Söhne erzogen! Daß ich in den Stürmen, mit denen mich das Leben packte, wohl geschüttelt, aber nicht zerbrochen wurde; daß ich zu den ganz wenigen meines Alters gehöre, die ihre Weltanschauung in diesem Umbruch nicht zu ändern brauchen – wem verdanke ich’s als Euch? Ihr habt uns Kammans Garten gegeben, ließet uns auf Fahrten gehen und gewährtet uns alles, was unsere Ausbildung förderte. Ich danke es Euch von ganzem Herzen. All die Jahre habe ich diesen Dank in meinem Innern getragen. Aber nun soll er laut werden, und Ihr sollt nicht den Argwohn haben, der einzige von Euren Söhnen, dessen Stimme Ihr noch hören könnt, sei undankbar, daß er sich vergangener Wohltaten nicht mehr erinnert. Und so nehmt diesen Brief als Wiederholung eines alten Brauches, mit dem wir Kinder Euch einst unsere Dankbarkeit auszusprechen pflegten: als einen – wenn auch verspäteten – „Neujahrsbrief“. Möge der Herr Euch in diesem Jahre und Euer Leben lang Gesundheit schenken und Freude, vor allem die Freude unseres baldigen Wiedersehens.

Euer Gisbert