Gisbert Kranz an seine Eltern, 22. Januar 1947

22.I.47. Liebe Eltern! Dank für Eure Briefe vom 12. u. 14.I. Ihr habt mich mißverstanden, als ich seinerzeit schrieb, mich um die Zeitungen wenig zu kümmern. Zwar gebe ich nichts um das Geschwätz der Leitartikelschreiber u. Kommentatoren, nichts um die Reden der Parteipolitiker; doch die Lage in Deutschland, wie sie sich in Tatsachenmeldungen widerspiegelt, interessiert mich brennend, und durch aufmerksames Studium von Dutzenden Zeitungen u. Zeitschriften aus allen Zonen, sowie der größten Blätter der englischen u. schweizerischen Presse, auch durch Mitteilungen aus Briefen von Kameraden gewinne ich sehr wohl eine Übersicht über das deutsche Elend. Aufschlußreicher als Leitartikel sind Annoncen. – Nun ist es aber doch an der Zeit, daß ich Euch auch über meine wahre Lage aufkläre. Denn ich gestehe Euch freimütig, daß ich Euch zweieinhalb Jahre nur das Angenehme schrieb, um Euch durch die Schilderung der „anderen“ Seite nicht zu beunruhigen. Ich habe einen Mann gesehen, der – noch jünger als ich – in Gefangenschaft weiße Haare bekam. Zweimal erlebte ich, wie sich in meinem Lager, ganz in meiner Nähe, ein Gefangener aufgehängt hatte. In den letzten Monaten, die ich in Ripon war, gab es dort drei Tobsuchtsanfälle. Drei klinisch auffällige Psychopathen, Drei Wahnsinniggewordene, die vielen Halbverrückten „harmloser“ Art nicht mitgerechnet. Ich werde Euch später Dinge berichten, bei denen Euch die Haare höchst erfrischend zu Berge stehen werden. Zwar bin ich trotz netter Erlebnisse solcher Art weder weißhaarig noch verrückt geworden. Doch daß meine „Stimmung“ schlechter wurde, wie Mutter auffiel, dürfte erklärlich sind. Schließlich ist der Tod von Brüdern und Freunden, die lange Entfernung von Heimat und Beruf, die Ohnmacht der Gefangenschaft überhaupt nicht spurlos an mir vorübergegangen, und von dieser Veränderung sprach ich ja vor längerer Zeit schon einmal. Habt Ihr auch schon einmal bedacht, was es heißt, jahrelang auf engstem Raum mit 30-170 Mann zusammenzuwohnen? Selbst im Deutschland von heute dürfte dies selten und unnormal sein. – Was Mutter vom Heiraten schreibt, ist völlig meine Ansicht. Ich bin mir der Notwendigkeit wirtschaftlicher Grundlagen bewußt und werde für die nächsten Jahre an eine Heirat nicht denken können. Aber ich denke bereits über die nächste Zukunft hinaus, u. die Hoffnungen, die von weiterher winken, helfen über das Nächste hinweg. – Für die Mitteilung von Karls Zeilen danke ich sehr. Ich hoffe, daß wir uns bald über dies und anderes aussprechen können. Herzlich grüßt Euch Euer Gisbert.

Übrigens schrieb Kirchhoff mir einen überaus plumpen und taktlosen Brief, der seinem Flaps-Namen Ehre macht und die an ihm gewohnte Wurschtigkeit zur Spitze treibt. Er hatte Euch besucht und rät mir nun, nicht so viel „in höheren Regionen“ zu schweben und mich mehr „auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen“. Ich gehe zu wenig auf Eure Briefe ein (!) und solle gefälligst mehr „Verständnis“ für Euch zeigen. Ferner einige Ratschläge über meine Berufswahl. –

Ich bin sprachlos –