Gisbert Kranz an seine Eltern, 25. Januar 1947
25.I.47. Liebe Eltern! Vorgestern bin ich nach einem Verhör in die Stufe A (Antinazi) eingereiht worden. Dies bedeutet, daß ich im nächsten oder übernächsten Monat repatriiert werde und zu Hause von Entnazifizierungsausschüssen nicht mehr behelligt werde. Wie freue ich mich, daß auf diese Weise unsere Wiedervereinigung bald Wirklichkeit wird! Nun ist es allerdings erforderlich, daß Ihr dafür sorgt, daß das Arbeitsamt mich nicht ins Bergwerk oder an einen andern Platz schickt. In meinen sämtlichen Papieren steht als Beruf „Student“. Vielleicht wird dies Schwierigkeiten machen, wenn ich einen Arbeitsplatz im väterlichen Betrieb wünsche. Ich bitte deshalb Vater, die den Umständen nach notwendigen Schritte zu unternehmen. Ferner ist es wichtig, das Wohnungsamt davon zu überzeugen, daß das für mich vorgesehene Zimmer freibleiben muß, da ich in nächster Zeit heimkomme und eine Trennung von Wohnung und Arbeitsplatz äußerst nachteilig, ja unerträglich ist. Es wird Euch nicht schwer fallen, nötigenfalls mit starken Argumenten zu arbeiten. – Ehe ich Vater an die Hand gehe, bitte ich mir einen zwei Wochen-„Urlaub“ zu gewähren. Ich brauche ihn, um die geforderten Meldungen und Verhandlungen mit Behörden zu erledigen und durch Besuche und Korrespondenz die Verbindung mit Freunden und Bekannten wieder aufzunehmen, ferner um meine Bücher und Papiere zu ordnen. Die Abende bleiben ausschließlich uns selbst vorbehalten: Dann wollen wir plaudern über Vergangenes und uns beraten über die Zukunft. Wenn ich so wieder warm geworden bin im häuslichen Nest und in der Heimat, geht’s mit frischer Kraft an die Arbeit. Ich bin überzeugt, daß wir’s schaffen werden. Ich habe mich schon an manche mir nicht passende Arbeit gewöhnen müssen. Ich werde auch diese Arbeit leisten, aber mit einem ganz andern Geiste und mit viel größerer Energie: Geht es doch diesmal um unsere eigene Wohlfahrt. Nun bereite ich schon mein Gepäck vor, damit ich bis zur Abreise alles beisammen habe. Dabei ist manches Schöne und Nahrhafte für Euch. Ich sag noch nicht was, es gibt einige Überraschungen. Nun bitte ich Euch, noch Geduld zu haben und nicht unwillig und nervös zu werden, falls meine Rückkehr sich über den März hinaus vielleicht verzögern sollte. Es kommt jetzt auf ein paar Wochen nicht mehr an. Sehr lange brauchen wir jedenfalls nicht mehr zu warten. Freuen wir uns still und heimlich. In Liebe
Euer Gisbert
Bitte, haltet meine bevorstehende Rückkehr geheim und sagt es keinem, damit wir die ersten Tage unsere Ruhe haben. – Bitte, stellt in mein Zimmer ein Bücherregal auf, das etwa 80 Bände fassen kann, damit ich wenigstens die Handbücher und Nachschlagwerke, die ich ständig brauche, griffbereit unterbringen kann. Der Rest mag dann in den Kisten bleiben. – Nun schreibt mir bitte, ob Ihr mit diesen Vorschlägen einverstanden seid und teilt mir Eure eignen Wünsche mit.
Euer Gisbert