Gisbert Kranz an seine Eltern, 2. Februar 1947

2.II.47. Meine lieben Eltern! Obwohl sich in dieser Woche hier nichts ereignet hat, von dem zu berichten es sich lohnt, und ich auch keine Post erhielt, auf die ich Euch antworten könnte, wollt Ihr doch nicht um Euren wöchentlichen Brief kommen. Und wenn es auch nur eine belanglose Plauderei ist wie diese. Als ich zum erstenmal mit der Eisenbahn durch England fuhr, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß eine Station nach der andern immer denselben Namen trug: Bovril. Erst später kam ich dahinter, daß Bovril kein Stationsname war (die Schilder mit den Stationsnamen sind ganz winzig und hängen stets da, wo niemand sie sieht), sondern ein Fleischextrakt, dessen Reklameschilder überall dominieren. Nun wollte ich gestern abend duschen gehn (was das mit Bovril zu tun hat, werdet Ihr später merken), und wie ich mein Handtuch aus dem Seesack herausziehe, macht es „klack“. „Acht Schillinge!“ rief ich. Es war Bovril. Ich hatte eine große, runde Flasche für Euch gekauft und den kostbaren, teuer erstandenen Schatz vorsorglich in ein Handtuch gewickelt, damit das Glas im Seesack nicht bei Stößen zerbreche. Na ja! – Schade um Bovril! – Seit zehn Tagen liegt hier hoher Schnee – für das englische Klima eine außerordentliche Seltenheit, die mir, der ich nun schon den dritten Winter in diesem Lande verbringe, zum erstenmal hier begegnet. Dachte man früher beim Anblick weißer Winterlandschaften heiteren Sinnes an Wintersport und Schneeballschlachten, so kommen einem diesmal recht düstere Gedanken, die für Euch in Deutschland bittere Wirklichkeit sind. Täglich streue ich den Vögeln an einem trocknen Platz Brosamen aus von dem Brot, das ich übrig habe (Ihr seht, daß wir tatsächlich genug zu essen haben). Aber wieviel lieber würde ich’s den Hungernden daheim geben, könnte ich’s nur. – Unser Lager ist nun kein Durchgangslager mehr. Die letzten Repatriierten haben in der vergangenen Woche das Camp verlassen. Es war eine Anzahl von Theologiestudenten darunter, mit denen ich manche frohe Stunden verbrachte. Nun ist es sehr still geworden um den Baracken, und die Leute vom Stamm, augenblicklich die einzigen Insassen des Camps, warten auf einige hundert Offiziere, die demnächst hier eintreffen sollen, um längere Zeit hier zu bleiben. – Mr. Schoenfeld war, wie er mir brieflich mitteilte, auf Mutters Wunsch in London um meiner Sache willen, ohne indes etwas erreicht zu haben. Er fragte freundlich, ob er sonst noch etwas für mich tun könne. Worauf ich ihm mit einem herzl. Dank für seine Bemühungen schrieb, daß ich ohnehin bald entlassen würde. – Zum Schluß sei Vaters Namenstag nicht vergessen. Ich wünsche dazu alles Gute und hoffe, daß meine Heimkehr ihm im Frühling einen Urlaub zur Erholung ermöglichen wird. Möchte ich noch eher bei Euch sein als dieser Brief! Tausend Küsse!

Euer Gisbert!