Gisbert Kranz an seine Eltern, 8. Februar 1947
8.II.47. Liebe Eltern! Herzlich danke ich für Mutters schönen Brief vom 22.I. und für den vom 26.I. Ich begreife und teile Mutters Schmerz über die gefällten Bäume in Kammans Garten. So müssen wir wohl noch auf vieles verzichten, was uns früher erfreute. – An der Novene will ich mich gern beteiligen. – Du möchtest mein „Tagesprogramm“ wissen, liebe Mutter. Das ist schwierig, da mein Dienst sehr unregelmäßig ist und sehr verschiedener Art. Ich wüßte auch nicht, was daran Erbauliches ist, wenn Du Dir mich vorstellst, wie ich Scheißkübel trage (wir haben nämlich keine Klosetts mit Kanalisation – man ist in manchen Dingen hier sehr fortschrittlich) oder Kartoffeln schäle oder Aufräumungsarbeiten leiste. Während ich diesen Brief schreibe (auf der Baracke, denn einen andern Raum habe ich nicht) lärmen um mich herum 40 Mitgefangene, alte und junge, die alle schon mehr oder weniger einen Knax haben. Grauhaarige benehmen sich wie Tiere, und von den Burschen kann man nicht viel erwarten. Über allem gröhlt von morgens früh bis tief in die Nacht ein Lautsprecher, der nicht abzustellen ist. Von den beiden Hemden, die ich besitze, ist mir eins von der Wäscheleine gestohlen worden. Das dritte Mal schon in meiner Gefangenschaft, daß ich auf diese Weise um Wäschestücke komme. Viele klagen darüber, und man weiß nicht, wie viele unter ihnen selbst Diebe sind. Zwei und ein halbes Jahr Gefangenschaft! Begreift ihr, daß ich mich nach einem Zimmer sehne, in dem ich still und allein sein kann? Begreift Ihr, daß ich nichts so sehr hasse wir Radio? – Ich hoffe, daß mir im nächsten Monat die Freiheit winkt. Dann darf ich wohl wieder aufatmen. Wer sind unsere Mieter? Was treiben sie? Wie kommt Ihr mit Ihnen aus? Auf welchen Zimmern sind die einzelnen Mietsparteien untergebracht? Es wäre mir sehr lieb, wenn Ihr mir das alles mitteilt, damit ich mir jetzt schon eine Vorstellung bilden kann über das Wesen jener Leute, die nächstens meine Nachbarn sein werden. Ich werde bei meiner Rückkehr genug überraschende Eindrücke haben, und es ist gut, wenn ich mich mit vielen Umständen der neuen Situation im voraus vertraut mache, damit ich mich umso schneller anpassen kann. Ich bin deshalb auf Euren Bericht sehr neugierig. Nennt bitte jede Person mit Namen u. beschreibt mir ihre Umstände usw. Der nächste Brief soll freundlicher werden. Ich bin sehr abgespannt.
In Liebe und Sehnsucht.
Euer Gisbert