Gisbert Kranz an seine Eltern, 7. Juli 1946

7.VII.46. Liebe Eltern! Für Mutters schönen, liebevollen Brief vom 3.VI. danke ich. Ich freue mich, daß Becker Euch meinen Brief überbringen konnte. Aber welche Sorgen macht Ihr Euch um meine Gesundheit! Meine Verwundungen sind tatsächlich nicht ernster, als ich es Euch seinerzeit schilderte: Es handelt sich bloß um Fleischwunden am r. Unterarm und am r. Bein, die gut verheilt sind und keine unangenehmen Folgen zurückgelassen haben. Ich gehe gebückt: Das tat ich schon immer, wenn man meinen Buckel meint, der nichts als ein „Berufsfehler“ ist. Ich sei im Gehen behindert? Keineswegs, wenn man von meinen Senkfüßen und meinen von Natur nicht eben gradgewachsenen Beinen absieht. Ich bin voll arbeitsfähig. Daß ich eine Zeit arbeitslos war, lag daran, daß damals keine Arbeitsstelle frei war. Das kam mir sehr zustatten. Übrigens bin ich noch nie in Gefangenschaft krank oder auch nur unpäßlich gewesen. – Und nun zu Euren Zeilen vom 8.VI., denen Ihr alte Briefe beifügtet. Eine Woche vorher himmelhochjauchzend, nun wieder zu Tode betrübt. Ihr meint, nicht mehr aushalten zu können. Was denn, wenn Euer Gesuch um meine Entlassung abgelehnt würde? Ihr Lieben, verzagt nicht! Wem Gott ein Kreuz auferlegt, dem hilft er auch tragen. Aber eine Last bleibt immer noch auf seinen Schultern. Betet darum, daß unser Glaube erstarke u. unser Herz fest werde! Pflegen wir die Hygiene des Körpers u. der Seele! Haltet, ich bitte Euch, alles von Euch fern, was Euch lähmen oder verwirren könnte. Und raubt dem Körper nicht die Entspannung nach des Tages Müh durch zwecklose Grübeleien. Anders als mit diesem Rat kann ich Euch jetzt nicht helfen. Faßt Euch in Geduld, wie ich es auch tun muß. In Liebe Euer Gisbert.