Gisbert Kranz an seine Eltern, 14. Juli 1946
14.VII. Liebe Eltern! Selten habe ich mich so sehr über einen Brief von Euch gefreut, wie über den vom 27.VI. Wie freundlich habt Ihr alles aufgenommen, was ich Euch schrieb! Ich glaube, es wird sich für alles eine Lösung finden, die alle Teile befriedigt. Gedulden wir uns einstweilen. Freut Euch über meine Freude, so freue ich mich wieder und meine Freude wird doppelt. Es ist gut, liebe Mutter, und beseligend, alte Erinnerungen in sich lebendig werden zu lassen. Sie geben uns glückliche Zeiten der Vergangenheit zurück und besänftigen die Trauer um ihren Verlust. Und die teuren Toten sind wieder um uns wie gestern. – So gedenke ich oft des Alten, aber noch häufiger wohl blicke ich in die Zukunft. Sie scheint mir hell, ich fühle mich stark, und große Ziele ziehen mich vorwärts. Umfangreiche Pläne verdichten sich: Romane, Epen, wissenschaftliche Abhandlungen. Meine schriftstellerische Tätigkeit gerät jetzt wieder mehr in Fluß. Neue Gedichte sind entstanden. Letzte Woche habe ich 11 neue englische Sonette übersetzt, sodaß die Sammlung mit 76 Stücken jetzt endgültig abgeschlossen ist. Ich gehe jetzt alles noch einmal durch, verbessere manches und mache das Ganze druckfertig. Die Vierteljahreszeitschrift „Der Kulturspiegel“, London, hat einen Essay von mir gedruckt und bittet mich, einen anderen Aufsatz, der bereits in einer Monatszeitschrift erschien, in ausführlicher Fassung zur Verfügung zu stellen. – Grüßt Dresen, dem ich nachträglich zum Jubiläum Gottes Segen wünsche. – Bleibt wohlgemut und stark im Glauben! Laßt die Vorfreude auf manches Liebe, das uns noch bevorsteht, Ansporn sein bei der Arbeit. In Liebe Euer Gisbert.