Gisbert Kranz an seine Eltern, 28. Juli 1946

28.VII. Meine lieben Eltern! Herzl. Dank für Eure Briefe vom 24. u. 29.VI. Auch Maaßen, Dresen u. Kerschbaum schrieben. Ich freue mich, daß Euer Antrag gut läuft, möchte Euch aber vor zu bestimmten Hoffnungen warnen. Dämpft bitte Euren Optimismus, damit, wenn die Sache schief geht, die Enttäuschung nicht umsogrößer ist. Haben wir Geduld; vertrauen wir auf die Vorsehung, die es gut mit uns meint, auch wenn sie unsre Gebete nicht erfüllt. – Nun habe ich mir auch das Rauchen abgewöhnt. Welch ungeheurer Vorteil! Ein Bedürfnis weniger – ein Schritt näher zur Zufriedenheit, zum Glück. Sokrates sagt: Nichts bedürfen ist göttlich, und wer am wenigsten bedarf, ist dem Göttlichen am nächsten. Diese Zeit der Entbehrungen gibt uns die Möglichkeit, arm im Geiste zu werden, uns unbefleckt zu bewahren von den Gütern dieser Welt. Um die Tugend mit dem Vorteil zu verbinden, gebe ich meine Zigaretten einem Kumpel, der dafür meine Wäsche wäscht und flickt. Dadurch spare ich drei Stunden in der Woche. – Manchmal fallen mir Stücke ein, die Karl früher auf dem Klavier spielte. Das ist nun nicht mehr. Wenn ich heimkehren werde, kehre ich nicht heim. Denn was ich vor Jahren verlassen hatte, ist nicht mehr. Ihr selbst werdet verändert sein. Wenn aber Eure Herzen die gleichen geblieben sind, dann, liebe Eltern, habe ich noch eine Heimat – und wie sehn ich mich, zu ihr zurückzukehren! Behaltet mich lieb! Grüßt die Freunde! Euch liebend Euer Gisbert.