Gisbert Kranz an seine Eltern, 18. August 1946
18.VIII.46. Liebe Eltern! Euren Brief vom 1.VIII. hat mir Mr. Schönfeld geschickt; auch den vom 4.VIII. erhielt ich. Einen Brief an den Kommandanten hat Mr. Schoenfeld zwar nicht beigefügt. Es wäre unsinnig (der Strenge des militärischen Dienstweges wegen) und zwecklos (der Nichtzuständigkeit des Kommandanten wegen), auf diese Weise etwas zu versuchen. Entlassen kann nur das Kriegsministerium, das aber – wie mir offiziell gesagt wurde – Entlassungsgesuche weder von Seiten der Lagerkommandanten noch von Seiten deutscher Behörden annimmt. Ich bin entsetzt über eine Politik, die Euch daheim Hoffnungen macht auf unsere baldige Heimkehr, obwohl sie fest entschlossen ist, unsere Arbeitskraft noch solange auszunutzen, wie es eben geht. Als ich dem engl. Dolmetscher mein Anliegen vorgetragen hatte, war seine erste Frage, ob ich arbeitsfähig sei. Wenn ich krank wäre, könnte ich schon längst zu Hause sein. Als Gesunder aber muß ich einer von den Hunderttausenden sein, an denen England verdient. Man macht uns nicht die geringste Andeutung, wann wir allgemein mit unserer Repatriierung rechnen können. – Für Euch gibts nun diese Möglichkeiten: Entweder führt Ihr das Geschäft noch weiter wie schon zwei Jahre ohne Hilfe, bis ich komme, oder – wenn Ihr das nicht könnt – verkauft oder verpachtet den Laden, oder Ihr gewinnt einen Mann, der Vater weitgehend entlasten kann. Auf keinen Fall dürft Ihr jetzt verzweifeln. Ich warnte Euch von Anfang an, die Genehmigung Eures Gesuches von vornherein als sichere Tatsache anzusehen. Daß mein Zweifel sich bestätigte, trifft mich wohl noch schwerer als Euch. G.