Gisbert Kranz an seine Eltern, 15. September 1946
15.IX.46. Liebe Eltern! Euer Brief vom 30.VIII., für den ich danke, nahm mir eine Last von der Seele. Ich war nämlich sehr in Sorge, wie Ihr das Scheitern Eurer Hoffnungen ertragen würdet. Ihr faßt Euch u. hofft auf eine spätere Zeit. Das ist gut. Ich muß mich auch darin finden, auf unbestimmte Zeit noch weiter in Verhältnissen leben zu müssen, die der menschlichen Natur im allgemeinen u. meiner insbesondere zuwider sind. Wie unglücklich ich mich fühle, abwechselnd als Farmarbeiter, Stallknecht, Steinbrucharbeiter, Holzfäller, Straßenbauarbeiter, Handlanger, Barbiergehilfe, Lackierer u. Erntehelfer arbeiten zu müssen, will ich Euch nicht vorjammern. Ich sehe in diesen Tätigkeiten auch den ungeheuren Vorteil, den sie mir für meine Bildung gewähren, für meine Bildung als Mensch und als Schriftsteller: Ich lerne mich zu fügen, blicke in vielerlei Lebensverhältnisse, erweitere meine Menschenkenntnis u. die Kenntnis diese Landes u. seiner Sprache, eigne mir manche handwerkliche Geschicklichkeit an – und all dies wird mir gewiß auch später von Nutzen sein. Make the best of an thing, sagt der Engländer. Tut Ihr das Gleiche, schickt Euch in das Unvermeidliche, macht aus der Not eine Tugend und gewinnt dem Mangel noch Gewinn ab. Haltet Frieden mit den Hausgenossen; sie sind Menschen mit einer unsterblichen Seele, die Gott ebenso lieb hat wie Euch. Ich wünsche Euch den Frieden Gottes. Euer Gisbert. – Der Nachdruck in der Lübecker Zeitung ist nicht berechtigt. – Grüßt auch Tante Alox und Tante Nettchen von mir! –