Gisbert Kranz an seine Eltern, 14. Oktober 1946

14.X.46. Liebe Eltern! Herzl. Dank für Euren Brief vom 29.IX. Es gibt mehrere Repatriierungspläne: der eine sieht eine bevorzugte Entlassung für Antinazi, wirtschaftliche oder familiäre Fälle vor; ein anderer hat eine Einteilung der Gefangenen nach der Dauer der Gefangenschaft vorgenommen. Ich bin in Gruppe 21, die, wenn monatlich 15000 entlassen werden, vielleicht in einem Jahr Aussicht hat, dranzukommen. „Antinazi“ bin ich offiziell nicht. Wirtschaftliche Fälle kann der Kommandant von sich aus nicht prüfen u. entlassen. Außerdem haben in diesem Lager Hunderte Anträge aus familiären Gründen (Kinderzahl usw.) eingereicht. Ehe der Kommandant diese bearbeitet hat, will er keine neuen Anträge sehen. Der Langsamkeit englischer Bürokratie entsprechend kann das einige Monate dauern. Und nun gar Kardinal Frings. Wenn er wirklich in unser Lager gekommen wäre, was nicht der Fall war, glaubt Ihr, ich hätte zu ihm hingehen können und sagen: Eminenz, ich will nach Hause? 500 000 wollen das. Ich kann nichts tun, bevorzugt entlassen zu werden. Auch weiß ich nicht, wann ich entlassen werde, da die Pläne so undurchsichtig sind u. niemandem gesagt wird, zu welchen Gruppen u. Kategorien er gehört. Eine seelische Folter ohnegleichen, die Briefe mit so naivem Optimismus, als ob wir in einer Märchenwelt leben, nicht lindern. Seid bitte etwas nüchterner, habt Geduld! Rechnet nicht, sd vertraut! Euer Gisbert.