Gisbert Kranz an seine Eltern, 22. Oktober 1946

22.X.46. Liebe, liebe Eltern! Man hat uns wohl Repatriierungspläne bekanntgegeben, aber nicht gesagt, wann jeder einzelne nach Hause kommt. Niemand weiß auch nur das Jahr, wann er entlassen wird. Wenn die Zeitungen Euch anderes melden, so ist das eine Lüge. In den letzten Monaten sind aus unserm Lager nur ein paar Kranke und einige von den „Antinazi“ entlassen worden. Viele Kranke u. auch noch Antinazi sind noch hier. Ich kenne einen alten Intellektuellen, der politisch im KZ saß: der ist immer noch hier und arbeitet bei Farmern. Auf Euer Gesuch setzt keine große Hoffnung. Es werden Tausende solcher Gesuche vorliegen, und die Briten werden unsern Laden nicht für den dringendsten Fall halten, um mich vorzeitig zu entlassen. Ich sage Euch dies ohne Illusion, damit Ihr Euch keine Hoffnungen macht, die doch enttäuscht werden. Nun hoffe ich, daß es das letzte Mal war, daß wir uns über diesen Gegenstand unterhalten. Alles Schreiben darüber hat keinen Zweck, wir müssen uns eben gedulden. Es nutzt nichts, wenn Ihr mir schreibt, Ihr hofftet, nächsten Sonntag sei ich schon bei Euch. Wenn ich diesen Brief bekomme, ist dieser Sonntag längst vorüber, und Ihr könnt Euch denken, mit welchen Gefühlen der Ohnmacht u. der Bitterkeit ich ihn lese. – Eine Ansprache über ein Bibelwort, gehalten in einer Kirche während eines Gottesdienstes, nenne ich Predigt, auch wenn sie von einem Laien gehalten wird. Laienprediger hat es immer gegeben. Schon die Apostelgeschichte berichtet davon. Seit hier kein kath. Geistl. mehr ist, predige ich abwechselnd mit zwei andern Laien, einem Lehrer u. einem Beamten. – Dank für Brief vom 6.X. In Liebe Euer Gisbert.