Gisbert Kranz an seine Eltern, 6. November 1946

Quorn, den 6.Nov.46. Liebe Eltern! Am 4.Nov., dem Tage an dem wir sonst Karlheinz zum Namenstag gratulierten, dachte ich beim Kartoffelsammeln tagsueber, wie schoen es waere, wenn bei der Abendpost Karlheinzens Totenzettel laege. Der Gedanke wurde Wirklichkeit, als ich abends heimkam. Totenzettel pflegen sonst kein Anlass zur Freude zu sein, doch dieser mit dem Bild und den Bekenntnissaetzen meines lieben Bruders war es. Freut Euch mit mir, denn er ist bei Gott. Er hat das Ziel erreicht, frueher denn wir. – Am gleichen Abend erhielt ich den Befehl zu meiner Versetzung. Nun arbeite ich im Dolmetscherbuero eines Durchgangslagers. Ich bin froh, den kalten, nassen Winter nicht auf dem Acker verbringen zu muessen. Nun habe ich eine Beschaeftigung, die mir zusagt. Obwohl mir das Jahr in Ripon nicht leicht fiel, hat es mir doch manch Schoenes gegeben. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich bewusst den ganzen Kreis des Jahres auf dem Lande, nicht als aussenstehender Beobachter, sondern teilnehmend an den Arbeiten des Bauern. Dies halte ich fuer einen Gewinn, fuer den ich dankbar sein muss. Freilich haette ich auf ihn verzichtet, haette ich nur Eure Gegenwart gehabt. Moege Eure Beharrlichkeit, mit der Ihr der Militaerregierung zusetzt, durch unsere baldige Vereinigung belohnt werden. In Liebe Euer Gisbert