Gisbert Kranz an seine Eltern, 10. November 1946

10.XI.46. Meine lieben Eltern! Eben komme ich von Golgotha. Ich stand unter dem Kreuz, und es war nicht das Jahr 1946, sondern das Jahr 33. Und ich traf dort alle, die fern von mir weilen: Euch, meine Lieben, und meine Freunde ueberall in der Welt. Und ich sah alle, die laengst nicht mehr leben auf der Erde: Karlheinz, Guenter, Ferdi, Alfred. Es war kein Traum, keine Fantasie. Es war Wirklichkeit, uebernatuerliche Wirklichkeit. Denn in der heiligen Messe wird das Kreuzesopfer nicht wiederholt, sondern gegenwaertig gesetzt: Raum und Zeit und Tod sind darin aufgehoben und ueberwunden. So sagt der heilige Glaube. Es ist dasselbe Opfer, derselbe Opferpriester, dasselbe Kreuz. Und alle, die daran teilnehmen, gleichgueltig, zu welcher Zeit und an welchem Ort, sind vereint. Das Bewusstsein dieser Wahrheit mag uns ueber unsere augenblickliche irdische Trennung troesten. Wir sind vereint in der Ewigkeit des Opfers, an dem wir teilnehmen, und des Brotes, von dem wir geniessen. Koennte ich Euch Schoeneres wuenschen als dies, das ja schon Euer Besitz, und, wie ich hoffe, Eure Seligkeit ist? Ich zweifle. Sonst wuerde ich Euch den herrlichen Tag wuenschen, der mich heute umgibt: dieses sonnige Wetter, diese klare Luft, diese Farben des Herbstes. Mein neues Lager liegt mitten zwischen Waeldern. Nach dem Mittagessen (es wird gut gekocht hier) will ich einen Spaziergang machen. Spaeter werde ich lesen. Die Buecherei hat hervorragende Sachen. Und mein Dienst auf dem Dolmetscher-Buero laesst mir genuegend Zeit, einige Romane zu lesen, auf deren Genuss ich schon lange begierig war: Goethes Wilhelm Meister, Stifters Nachsommer, Jakobsens Niels Lyhne, Wiecherts Majorin, Fontanes Stechlin. Auch will ich manches Wissenschaftliche, was ich mir im vergangenen Sommer angeeignet habe, repetieren: Pflanzenmorphologie, Musikaesthetik, Astronomie. Kino ist hier auch, doch von all den Filmen, die uns bisher gezeigt wurden, habe ich mir keinen angesehn. Mit meinen neuen Kameraden und Vorgesetzten komme ich gut aus. Ich glaube, dass dieser Winter fuer mich ertraeglicher wird, als die drei vorhergehenden. Um Euch habe ich da einige Sorge. Wie steht’s mit Nahrung und Brennstoff? Ich wuerde mich freuen, wenn Ihr mir mitteilen koenntet, dass Ihr ausreichend habt. Zu Weihnachten duerfen wir ein Paket schicken. Nur eine beschraenkte Anzahl von Artikeln, keine Lebensmittel sind erlaubt. Ich werde Euch ein paar Buecher fuer mich und einige Kleinigkeiten fuer Euch uebermitteln. – Wie wuerde ich mich freuen, saehe ich auf eurem naechsten Brief einen Gruss von Fritz! Vertrauen wir, was ihn und auch was mich betrifft, auf Gottes Willen. Bleiben wir geduldig!

In Ehrfurcht und Liebe gruesst Euch

Euer Gisbert