Gisbert Kranz an seine Eltern, 23. November 1946

23.XI.46. Liebe Eltern! Dank für Euren Brief vom 15.XI. Ich bedaure sehr, daß Ihr an meine Mitteilung, ich sei in einem Durchgangslager, die vage Hoffnung knüpft, ich käme bald nach Hause: denn diese Hoffnung muß ich Euch nehmen. Ich gehöre nicht zu den Durchgehenden, sondern zum Stamm. Das Brit. Kriegsministerium ordnete an, den PoW ihren politischen Grad und ihre Entlassungsgruppe mitzuteilen. Mein Chef gab mir offiziell bekannt, daß ich politisch „B“ (d. h. gran) sei und zur Entlassungsgruppe 21 gehöre, mithin noch ein gutes Jahr auf Repatriierung warten könne. Es gibt insgesamt 29 Entlassungsgruppen. Man entläßt jetzt die ersten. Ich habe von der Möglichkeit, gegen die politische Einstufung zu appellieren, Gebrauch gemacht und auf „A“ (Antinazi) und bevorzugte Repatriierung aus politischen Gründen plädiert. Es fiel mir nicht leicht, mich meiner eignen Verdienste zu rühmen. Sollte mein Gesuch Erfolg haben, könnte ich vielleicht im nächsten Frühjahr heimkommen. In diesem Jahr wird der Antrag wohl nicht mehr erledigt werden. Die britischen Behörden arbeiten langsam und gründlich. Alle Antragsteller werden nocheinmal von Spezial-Offizieren verhört. – Ob ich all Eure Briefe bekomme? Von meinem alten Camp habe ich noch nichts nachgeschickt bekommen. Umgekehrt habt Ihr meine letzten Briefe aus Ripon wohl noch nicht bekommen. Es scheint also noch manche Post unterwegs zu sein. – Ich freue mich, daß Ihr Euch wohl befindet. Bleibt weiter gesund! Liebevolle Grüße Euer Gisbert.