Gisbert Kranz an seine Eltern, 26. November 1946
26.XI.46. Liebe Eltern! Dank für Eure Briefe von 5. u. 17.XI. Die Post läuft jetzt schneller. – Karlheinz war ein Heiliger. Nicht weil er Tugenden u. Vorzüge besaß, die andere nicht halten; nicht weil er sich durch glänzende Musterhaftigkeit vor seinen Altersgenossen auszeichnete; sondern weil er die Fehler, die er in seiner Natur entdeckte, erkannte und ernsthaft bekämpfte. Und das gilt wohl mehr vor Gott als alle Tugendhaftigkeit; das wiegt die dunklen Seiten seines Charakters hundertmal auf. In diesem Sinne dürfen wir ihn als heilig verehren. Anders würden wir der geschichtlichen Wahrheit, der Auffassung der Kirche und wohl auch seiner eignen Meinung widersprechen. – Daß ich Weihnachten nicht bei Euch sein werde, ist eine Tatsache, mit der Ihr Euch ebenso abfinden müßt wie ich. Es sind Kameraden bei mir, die ihr fünftes Weihnachten in Gefangenschaft verbringen u. Frau u. Kinder als Flüchtlinge bei fremden Leuten wissen. – Von den Verhältnissen in Gefangenenlagern scheint Ihr sonderbare Vorstellungen zu haben. Ich habe ein Jahr lang mit meinen Händen gearbeitet. Aufseher? Weil ich Unteroffz bin? Unterschiede zwischen Dienstgraden gibt’s nicht mehr. Nur Offiziere, die in eigenen Lagern liegen, brauchen nicht zu arbeiten. Ausgang haben nur Schreiber. Hier habe ich zum erstenmal spazierengehen dürfen. Da in England von 365 Tagen im Jahr 360 regnerisch sind, ist auch diese Ausgangserlaubnis, an bestimmte Zeiten gebunden, wertlos. Euer Gisbert.