Gisbert Kranz an seine Eltern, 1. Dezember 1946
1.XII.46. Liebe Eltern! Mehr als drei Jahre sind vergangen, seit ich Euch zuletzt sah, und bis ich wieder mit Euch vereint sein werde, können 4 vergangen sein. Damals war ich 22, dann werde ich 26 sein. In dieser Zeitspanne ist eine langsame aber gewaltige Revolution in mir vorgegangen, die meinem Leben eine völlig neue Richtung gegeben hat, während zugleich eine Fülle starker, größtenteils schmerzhafter Erlebnisse auf mich einstürmte. Die schmerzlichen Erfahrungen in Flandern, die Schrecken der Schlacht in Frankreich, Verwundung u. Gefangenschaft, die Schmach Deutschlands, das jahrelange künstliche Abgeschnittensein von der lebendigen Welt, die Härte ungewohnter Arbeit, der Zwang eines unmenschlichen Zustandes – dies und noch mehr hat aus Eurem Gisbert einen Menschen gemacht, der sehr von dem verschieden ist, der Ihr vor Jahren zuletzt umarmtet. Und Ihr selbst, wieviel Schweres ist Euch nicht in der gleichen Zeit widerfahren? Schwereres vielleicht als mir. Und es traf Euch wie mich in einer wichtigen Epoche der Entwicklung, diese gewaltig zu drängen. Werden wir uns noch wiedererkennen, nach so langer Trennung? Nach einer Entwicklung, die niemand am andern beobachten konnte und deren Resultate bei einem plötzlichen Wiedersehen vielleicht befremdend wirken? Ich glaube, wir tun gut daran, uns bei aller Sehnsucht nach unserer Wiedervereinigung diese Möglichkeit vor Augen zu halten. Ihr werdet mir mehr Liebe als je zuvor entgegenbringen müssen, um mich ertragen zu können, ich mehr Geduld als je zuvor, Euch zu verstehn. Doch Liebe u. Geduld werden unserer künftigen Gemeinsamkeit Frieden u. Freude schenken.
Euer Gisbert
Wenn Fritz wiederkommt, wird Euer Verhältnis zu ihm ähnlich sein.