Gisbert Kranz an seine Eltern, 7. Dezember 1946
7.XII. Liebe Eltern! Das Lager, in dem ich nun arbeite, nimmt Transporte von Repatriierten aus verschiedenen Lagern auf. Diese werden hier zu neuen Transporten gruppiert u. dann weitergeleitet. Ein Stammpersonal von 230 Gefangenen, das ständig hier ist, besorgt die Arbeiten, die mit der Verpflegung, Bekleidung, Unterkunft u. Organisation für die durchgehenden PW verbunden sind. Trotz des ständigen Kommens u. Gehens versucht man nun, Vorträge u. Unterricht aufzuziehen. Man suchte auch mich dazu zu gewinnen, doch habe ich abgelehnt, da diese Tätigkeit unter den hiesigen Umständen wenig Erfolg verspricht. Allerdings habe ich die Organisation u. Vertretung der (labilen) kath. Lagergemeinde übernommen. Die gerade hier so wichtige Seelsorge lag hier sehr verwahrlost. Einen ständigen Lagerpfarrer haben wir nicht. Wohl kommt sonntäglich ein englischer Reverend zu einer schnellen Messe ins Camp. Das ist alles gewesen. Nun kommt etwas Leben hinein. Advents- u. Weihnachtsfeiern, Ansprachekreise, Ansprachen, dies u. anderes habe ich jetzt in die Hand genommen. Als ich hierher kam, dachte ich, einen einsamen, stillen Winter zu verleben. Es scheint aber, daß ich ohne öffentliche Tätigkeit nicht sein kann. Doch glaube ich mich für einen hohen u. sehr wichtigen Zweck zu regen. Karlheinz hätte begeistert mitgetan. – Seid herzlich in Liebe gegrüßt von Eurem Gisbert. – Ein zweiter Brief begleitet diesen.