Gisbert Kranz an seine Eltern, 12. Dezember 1946
12.XII.46. Liebe Eltern! Die kindliche Gläubigkeit, mit der Ihr an einen irrtümlichen und unmaßgeblichen Stempel die Hoffnung auf meine baldige Heimkehr knüpft, erschüttert mich. Es ist schrecklich, aber es ist die Wahrheit, daß ich noch nicht komme. Ein brennender Wunsch war der Vater Eurer Gedanken und Erwartungen, die – es zerreißt mir wie Euch das Herz – noch nicht Wirklichkeit werden. Laßt mich wiederholen, was ich Euch schon mehrmals klar und deutlich mitteilte, was Ihr aber anscheinend nicht glauben wollt: 1. Ich bin nicht als Repatriierter vorübergehend, sondern als Stammpersonal dauernd in diesem Lager. 2. Obwohl die Repatriierung der Kriegsgefangenen vor Weihnachten im erhöhten Ausmaß erfolgt, geschieht sie doch in der einfürallemal festgesetzten Reihenfolge. In dieser Reihenfolge stehe ich in der 21. Gruppe, die auf jeden Fall frühestens in einem Jahr entlassen wird. 3. Die einzige Möglichkeit, bevorzugt entlassen zu werden, besteht für mich in politischen Gründen. Weshalb ich einen Antrag gestellt habe, als A (=Antinazi) eingestuft zu werden. Falls dieser Antrag glückt (was nicht unbedingt sicher ist), werde ich frühestens Frühjahr 47 heimkommen. – Ich möchte Euch trösten und suche selbst Trost. Seien wir geduldig! Der Schmerz geht vorüber! In Liebe Euer Gisbert!