Gisbert Kranz an seine Eltern, 22. Dezember 1946

22.XII.46. Liebe Eltern! Dank für Euren Brief vom 10.XII. Dies Weihnachten, das wir nun wieder getrennt begehen müssen, ist deshalb so traurig, weil gerade an dieses Fest so viel frohe Erinnerungen geknüpft sind, deren Lebendigwerden uns umso schmerzlicher fühlen läßt, was wir verloren haben. Dämpfen wir den Schmerz durch einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft, die uns die Verluste der Vergangenheit mit neuem Glück und neuen Freuden entschädigen wird. Sollte es unmöglich sein, daß Ihr nach einigen Jahren wieder kleine Kinder Eures Blutes unterm Christbaum seht? In die Vergangenheit hineinzuträumen, macht müde und verdrießlich; in die Zukunft hineinzuträumen, gibt Hoffnung und Tatkraft. – In der Mette werde ich den Chor leiten, der die Missa de angelis singt. Lieber hätte ich ein deutsches Hochamt gehabt. Doch der Reverend, der das Amt zelebriert, und die engl. Offiziere, die daran teilnehmen, kennen diesen Brauch nicht und bestehen darauf, lateinischen Choral zu hören; wohingegen der Deutsche auch im Hochamt seine deutschen Lieder singen will. Man einigte sich in einem Kompromiß. – Jetzt erst fällt mir ein, daß heute Dein Geburtstag ist, liebe Mutter. Zum Glückwunsch ist’s zu spät, doch Du sollst wissen, daß ich heute Dein gedacht habe. Warum hast Du aber auch einen so unglücklich gelegenen Geburtstag Dir ausgesucht? – In Liebe Euer Gisbert