Gisbert Kranz an seine Eltern, 29. Dezember 1946

29.XII.46. Liebe Eltern! Nun sind die Weihnachtstage vorüber, und ich bin froh drum. Sie brachten mir viel Arbeit organisatorischer, dekorativer u. anderer Angelegenheiten, aber auch manche Freude. Am Nachmittag des 24. kam der anglikanische Bischof von Leicester zu Besuch. Nach feierlichem Empfang hielt er eine liebenswürdige Ansprache. Am Abend Weihnachtsfeier, große Tafel, Christbaum, Lieder, Reden, Kuchen und Gebäck, Äpfel, Kastanien, Nüsse, Bescherung. Der Kommandant war dabei und sprach sehr fein zu uns. – Mitternacht Mette. Britische Offiziere ministrierten in Uniform. Ich dirigierte den Chor. Weihnachtsmorgen Frühstück im Bett, großartige Bedienung. Tagsüber gefaulenzt. Nachmittags Post von Euch. Einige waren von engl. Familien eingeladen. Am zweiten Feiertag hielt ich im Gottesdienst die Predigt. Nachmittags bei herrlichem Wetter allein einen weiten Spaziergang gemacht. Die Engländer sind freundlich uns gegenüber, ich vermute, aus schlechtem Gewissen. – Mein Tageslauf? Auf dem Büro bin ich seit einigen Wochen nicht mehr. Ich bin deshalb sehr froh, weil meine neue Beschäftigung mir bedeutend mehr Zeit läßt zum Lesen. Das ist fast das einzige, womit ich meine freie Zeit ausfülle. Geschrieben habe ich seit einem halben Jahr so gut wie garnichts mehr. Meine Musen schweigen. Hier können sie auf die Dauer nicht gedeihen. Es fehlt mir die sinnliche Gegenwart der Liebe, Eurer Liebe, brüderlicher Liebe, bräutlicher Liebe, Freundesliebe. Ohne Liebe aber muß ein Dichter verkümmern. Die Gesänge, die ich schrieb, waren voll Schmerz über das Verlorene, voll Sehnsucht für das Zukünftige. Die Sehnsucht bleibt noch unerfüllt, der Schmerz ward tränenlos, die Freude verlernte zu lachen. Mir bleibt nichts anderes als zu warten, bis mir die Liebe neue Lieder bringt. – Mutter spricht von der Läuterung durch Leid. Ich glaube nicht daran. Leid macht die Menschen reif für den Himmel – vielleicht. Es hinterläßt böse Narben – bestimmt. Ich habe erfahren (an vielen Menschen), daß Leid Spuren hinterläßt, die den Menschen der Liebe bedürftiger, aber nicht liebenswürdiger machen. Vielleicht ist dies auch bei mir so. Doch versichert Ihr mich Eures Verständnisses in Eurer Liebe. So bin ich getrost. Werden wir sanfter und gelassener, so bleibt auch die Heiterkeit nicht aus, die das menschliche Zusammenleben erst erfreulich macht. – Die Aufzählung der alten Spielsachen führte mich ins Kinderland zurück. Seit Jahren habe ich an diese einst mir so werten Dinge nicht mehr gedacht, und ich glaubte nicht, daß sie noch existieren. Nun freue ich mich umso mehr, daß die Spiele, an die so viele glückliche Erinnerungen sich knüpfen, den Krieg überdauert haben, um jetzt andere Kinder zu entzücken. – Seid bedankt für Eure lieben Briefe, auch für das Bild vom Essener Münster und die trostvollen Strophen, die abzuschreiben Mutter die Liebenswürdigkeit hatte. Ein gutes neues Jahr!

Euer Gisbert