Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 18. Oktober 1942
Herford, den 18.X.42
Meine Lieben!
Ich danke Euch herzlich für Euren Brief; es war die erste Post, die auf unsere Stube kam. Gleichzeitig erhielt ich zwei Exemplare der „Feldpost der Heimat“ und heute das dritte, alle vom Oktober. Scheinbar hattet Ihr meine Anschrift dort angegeben, und ich selbst hatte auch gleich hingeschrieben.
Übrigens heißt die Kaserne, in der ich liege, von Estorff-Kaserne. Liebe Tante Aloysia, Eine Hoffnung auf baldigen Urlaub muß ich leider enttäuschen, denn man ist damit hier sehr sparsam, wie ich hörte. Unsere Ausbildung wird wahrscheinlich 8 Wochen dauern. Dann werden wir Marschkompanie, die jeden Tag nach Rußland ausrücken kann. Vielleicht bekommen wir dann Urlaub. Unser Regiment (Traditionsregiment „Bückburger Jäger“ 58) liegt im Mittelabschnitt in Rußland. Bezüglich der Verpflegung kann ich nicht klagen. Sie ist gut und reichlich.
Über meine Vorgesetzten und Kameraden kann ich noch nichts berichten, da ich sie erst mal kennenlernen muß. Soviel ich feststellen konnte, kann ich mit meinen Vorgesetzten zufrieden sein.
Jüngst ist in meiner Kompanie bei den Fahrern. Weiter traf ich aus Steele vom letzten Lehrgang Engelsiepen (Klassenkamerad vom Gymnasium) und Adenheuer (auch von der Penne). Der Kollege von der Handelsschule ist auch in dieser Kompanie. Doch treffe ich diese Leute nur gelegentlich und bin hauptsächlich auf mich selbst gestellt.
Den Abmeldeschein der Lebensmittelversorgung benötige ich hier nicht. Ich schicke ihn zur Aufbewahrung wieder mit. – Inzwischen wird Vater wieder zu Hause sein. Hoffentlich hat er sich gut erholt. – Mutter bitte ich, meine Krawatten in meine Wäscheschublade einzuschließen. Es sind am oberen Halter 10 Stück von links.
Wie steht’s mit Günter? Hat er schon seinen Gestellungsbefehl? – Alarm hatten wir
bisher noch nicht. Wenn Alarmstufe 15 ist, muß hier das Alarmkommando heraustreten. Dies ist freilich schon ein paar mal so gewesen. Gott sei Dank ist bei uns auf der Stube keiner beim Ak. Bei Alarm müssen wir auch in den Keller.
Und nun etwas von unserem Leben hier. Am Freitag nachmittag sind wir erst eingekleidet worden. Wir haben unsere Feldgarnitur mit allem drum und dran schon empfangen; freilich mußten wir sie mit Namen versehen wieder abgeben. Wir laufen hier mit Stiefeln herum. Das hat mich gewundert, da daß z. B. in Gisberts Kaserne nicht gemacht wird. Übrigens wäre ich sehr dankbar, wenn Mutter mir ein Paar Fußlappen schicken würde. Sie müssen freilich aus starkem Stoff sein, z. B. aus einer alten Wolldecke, und nicht zu klein. Ich trage hier nicht meine eigenen Strümpfe, doch will ich die drei Paar vorläufig noch mal hier lassen, weil ich noch nicht weiß, ob ich sie nicht doch gebrauchen kann. Die Bürsten schicke ich alle wieder zurück, da wir hier welche gestellt bekommen haben. Den Koffer mit
den Zivilsachen werde ich in den nächsten Tagen wahrscheinlich abschicken. Falls Ihr das erbetene Paket noch nicht abgeschickt habt, laßt bitte die Turnschuhe zu Hause, denn wir haben Laufschuhe bekommen. Andernfalls werde ich sie gelegentlich zurückgehen lassen.
Vater möchte ich bitten, mir ab und zu das Wichtigste aus unserem Beruf mitzuteilen, vielleicht auch mal einen interessanten Artikel der Fachzeitungen, damit ich nicht Berufsfremd werde. Aber nicht zuviel, denn unsere Freizeit ist sehr knapp bemessen, wenn morgen erst einmal die richtige Ausbildung losgeht. Ich werde dann wohl auch nur noch sonntags schreiben können. Bisher hatten wir ja noch ein ziemlich (für diese Verhältnisse) laues Leben. Ab morgen bekommen wir die richtige Ausbildung. Unsere Gewehre haben wir schon empfangen wie auch alles andere bis auf die Gasmaske. Heute morgen sahen wir drei interessante Lehrfilme, einen russischen Beutefilm. – Anbei den Abschnitt des Gestellungsbefehls, den Ihr unbedingt als Beleg meiner Einberufung aufbewahren müßt. – Ich könnte noch viel schreiben, doch fehlt die Zeit. Jedenfalls geht es mir bis jetzt noch gut. Seid alle recht herzlich gegrüßt von
Karl Heinz.
Schickt bitte gelegentlich Feldpostkarten mit, ebenfalls meine Pantoffel, die ich im Winter nach dem Geländedienst gut gebrauchen kann.
Bitte schickt mir eine Tube Uhu.
Den Zettel von Gisbert bitte aufbewahren! Irrtümlich mitgenommen!