Karl-Heinz Kranz an seine Mutter Berta, 1. November 1942

Herford, den 1.XI.42

Lieber Mutter!

Endlich finde ich mal etwas Zeit, auf Deine Briefe einzugehen. Ich will sie Stück für Stück durchgehen und beantworten, wenn auch die Gedanken dabei etwas bunt durcheinanderflattern.

Wir sind noch einmal neu eingeteilt worden, so daß ich wieder auf einer anderen Stube mit anderen Kameraden zusammen liege. Diese sind nicht gerade schlecht und ich komme mit ihnen ganz gut aus. Einen Gleichgesinnten habe ich freilich immer noch nicht gefunden. Das Gottvertrauen, von dem Du in Deinem Brief vom 21.v.M. schriebst, habe ich voll und ganz. Mir fiel vor einigen Tagen ein Wort ein, daß ich früher sehr oft gehört und selbst gesprochen habe: Alles für Deutschland, Deutschland für Christus. Es ist für mich nicht ganz leicht, auf mein so starkes Selbst zu verzichten oder es weit zurückzustellen, aber

wenn ich an diesen Satz denke, weiß ich, wofür es ist. – Es wird einem hier sonst nicht viel Zeit gelassen, über tiefere Dinge nachzudenken.

Bezüglich der Verpflegung kannst Du wirklich beruhigt sein. Ich futtere, was ich eben vertilgen kann. – Günter hat ja noch etwas Zeit bis zu seiner Einberufung. Er kann sich schon auf den R.A.D. freuen, zumal er im Winter weg muß! – Deine Pakete habe ich alle erhalten, wie Du durch meine Karten schon weißt. Es ist alles gut angekommen. Obst bekommen wir hier nicht.

Den Koffer haben wir immer noch nicht aufgegeben. Ich werde eine Bürste hier halten. Einige Taschentücher schicke ich wieder zurück zurück, da ich sie doch nicht alle benötige. Die schmutzigen Taschentücher werde ich hier sammeln und Dir später zuschicken. Zu ihrer Aufbewahrung könnte ich gut einen kleinen Wäschebeutel gebrauchen. Wenn Du so etwas hast oder nähen kannst, wäre ich Dir sehr dankbar, wenn Du mir einen solchen schicken würdest.

Wir haben hier keine Nachthemden bekommen und schlafen im Taghemd. Das ist natürlich nicht angenehm, weshalb ich Dich um ein Nachthemd bitte. Ich kann auch noch einige Putzlappen gebrauchen. Das sind meine neuen Wünsche, das heißt, ich würde mich über ein Glas Marmelade sehr freuen, damit man sich auch mal eine leckere Stulle schmieren kann. Du darfst nun freilich daraus nicht schließen, wir bekämen zu wenig Brotaufstrich und Aufschnitt. Wurst und Butter* erhalten wir hier bestimmt mehr als Ihr zu Hause. Kunsthonig und Marmelade haben wir auch mal bekommen, ebenfalls Weichkäse (gestern noch feinen Holländer und Tilsitter Halbfettkäse, 20 %**). Aber manchmal kann man noch was Marmelade gebrauchen. Du weißt ja, daß ich immer ein „süßes Jüngsken“ war. Es braucht ja nicht die Beste zu sein, gekaufte genügt vollkommen; aber bitte dann ein Glas mit Schraubdeckel, wenn es eben möglich ist.

* Ich habe meine gestrige Butterration noch nicht mal angebrochen!

** 125 g

Ich komme gerade vom Ausgang zurück. Wir wurden noch einmal ausgeführt, da wir noch keine Soldbücher haben. – Inzwischen traf der Musterbeutel mit Deinem Brief ein. Soviel Garn – na, da komme ich hoffentlich mit über den Krieg. Meinen Wunsch bezüglich der Marmelade hast Du ja schon im voraus erfüllt. Besten Dank! – Tante Aloysia ist also wieder nach Dahlen gefahren. Kommt sie wieder nach Steele? Bestelle ihr bitte gelegentlich einen Gruß von mir. Ich kann bei meiner knappen Freizeit nicht allen schreiben.

Am Christkönigsfest hatten wir gemeinsam Kirchgang. Die Kirche war übervoll von Soldaten. Wenn auch kein feierliches Hochamt war und ich nicht kommunizieren konnte, so war ich doch über die Gnade der Meßfeier erfreut. Heute sind wir nicht in der Kirche gewesen. Es scheint hier nur einmal im Monat Militärgottesdienst zu sein, und sonst fehlt die Möglichkeit zum Kirchgang, da sonntagsmorgens Dienst ist und nachmittags nur Messe nach Alarm gefeiert wird.

Daß Du für mich die hl. Messe besuchst, ist fein, und ich bin Dir sehr dankbar dafür. Die Gnade brauche ich nötig. Zum Beten komme ich ja wohl, aber das ist nicht genug.

Vater sage bitte, er möge ruhig Schiepers anrufen wegen meines Handlungsgehilfenbriefes. Jüngst ist übrigens nicht im Stallzug, wie ich fälschlich schrieb. Ich danke ihm auch für die beiden nachgeschickten Briefe.

Gisbert schrieb mir auch schon einige Male. Heute bekam ich dann Deine Zeilen. Es freut mich sehr, daß Du mir zu meinem Namenstag ein Päckchen und Kuchen schickst. Ich werde ihn andachtsvoll genießen.

Heute ist ja Allerheiligen. Ich wurde erst heute nachmittag darauf gestoßen. Beim Kommiß verliert man jedes Zeitgefühl. Ich hoffe, daß ich heute abend noch den Meßtext des heutigen Festes lesen kann. In die hl. Schrift habe ich noch nicht geschaut. Man ist ja nie allein, und die Zeit ist sehr knapp. – An meinem Namenstage bete bitte für mich in der hl. Messe, daß

Gott mir seine Gnade schenke. Ich werde vielleicht kaum an die Bedeutung des Tages denken können. Der Dienst wird immer straffer, aber er ist noch auszuhalten. Ich halte „die Ohren steif“, wie Günter schreibt. – Heute bekamen wir unseren Sold; ich habe augenblicklich über 55,- RM bei mir. Hoffentlich kann ich das Geld bald auf mein Sparkonto bringen.

Meine Handschuhe schicke ich wieder mit dem Koffer zurück. Sie sind mir doch zu klein.

Ich könnte Dir noch viel schreiben, aber ich habe noch viel zu tun. Sage Vater, er möge mir, wenn er Zeit hat, etwas über das Einlaufen der neuen Eisenmarktregelung schreiben, z. B. wie die Lieferanten darauf reagieren.

Und nun grüße ich alle recht herzlich, Vater, Günter und Fritz, besonders aber Dich, liebe Mutter,

Dein Karl Heinz

Schickt mir bitte alte Zeitungen mit, die ich hier immer gebrauchen kann.