Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 8. November 1942

Herford, den 8. November 42

Meine Lieben!

Heute nachmittag hat etwa ein drittel der Kompanie Einzelausgang. Ich bin „leider“ noch nicht dabei, weil ich noch keine zackige Ehrenbezeigung mache. Ich bin nicht traurig darum, denn ich habe einmal noch viel zu schreiben, zum anderen zieht mich Herford nicht so stark an. Am nächsten Sonntag werde ich auch nicht ausgehen können, weil ich dann Alarmkommando habe, deren Angehörige die Kaserne nicht verlassen dürfen. Bei Luftgefahr 15 muß dieses Kommando heraustreten und draußen mit dem s.M.G. zur Fliegerabwehr in Stellung gehen.

Und nun will ich auf Eure Karten und Briefe eingehen, die im Laufe dieser Woche hier eintrudelten. Am Montag bekam ich die beiden Namenstagspakete. Den Kuchen habe ich erst am Namenstag angeschnitten. Er ist einfach herrlich. Heute nachmittag werde ich mir den Rest zu Gemüte führen. Das Obst hat mir ebenfalls sehr gut geschmeckt. Die Plätzchen (auch die zweite Sendung) habe ich schon alle gefuttert, weil sie so köstlich

waren. Die Marmelade ist mir schon gut zu statten gekommen. Gestern bekamen wir Quarkkäse, den ich mit der Marmelade zusammen mir schmecken ließ. Die Pralinen haben vorzüglich geschmeckt; ebenso sind die Bonbons fein. Herzlichen Dank für alles! Dank auch für Eure Namenstagsbriefe. Mich wundert, daß Günter nur 62 RM (ich bekam 65 RM brutto) verdient. Fritz soll man tüchtig Altmaterial sammeln und Spielzeuge fabrizieren. Ich freue mich, daß er nun regelmäßig schwimmen geht. Halte das nur eisern bei, Fritz, auch wenn das Wetter schlecht ist! Bis Weihnachten wirst Du ja den Grundschein machen, oder nicht?

Mutter, Du fragst, wie es mit einem Besuch in Herford wäre. Ich will Dir nun sagen, weshalb ich das ablehne. Es sieht schwer verwöhnt aus, wenn man gerade 3 ½ Wochen einschließlich Bahnfahrt Soldat ist und schon Besuch bekommt. Die Kaserne ist so schon überlaufen von Besuch. Wenn wir unsere Ausbildung hinter uns haben und nach Rußland abgestellt werden, könnt Ihr natürlich herzlich gern kommen. Aber jetzt hat es keinen Zweck, zumal

sich die Fahrt hierher kaum lohnt für einen Tag. –

Daß Du meine Wünsche immer prompt erfüllst, liebe Mutter, freut mich sehr. Der Wäschebeutel ist richtig, auch die Fußlappen kann ich gut gebrauchen. Besten Dank für die Marmelade, das Obst und die Plätzchen. Putzlappen und Nachthemd sind ebenfalls gut.

Es hat mich sehr gefreut, daß Du mir die Fotos von Altenberg geschickt hast. Es war wirklich eine feine Erinnerung an diesen Tag. Ich bin froh, daß ich diesen Tag noch mitmachen durfte. Verwahrt mir bitte die Fotos so sortiert, wie sie jetzt sind. Inzwischen sind die Koffer weggeschickt worden. Meine Taschentücher habe ich doch alle hier behalten, da ich wieder erkältet bin. Die gelben Lappen, die Mutter mir als Fußlappen schickte, kommen wieder zurück. Der eine Lappen ist zu klein, und der Stoff ist auch zu schade. Den Schlüssel des Kofferschlosses lege ich diesem Brief bei.

Gestern erhielt ich, liebe Mutter, Deinen Brief. Ich war unangenehm überrascht, als ich die traurige Nachricht erhielt, daß Vater krank sei. Ich habe

schon kräftig für ihn gebetet, daß Vater über die Krisis gut hinwegkommt. Ich wünsche ihm baldige Besserung. Du, liebe Mutter, wirst nun doppelt schaffen müssen, im Geschäft und im Haushalt. Hoffen wir, daß Gott alles zum Besten lenken werde.

Heute hatten wir keinen Gottesdienst. – Gestern nachmittag und heute hatten wir es ziemlich ruhig, was den Dienst anbelangt. Am letzten Montag habe ich zum ersten Mal mit dem Karabiner und l.M.G. scharf geschossen. Freitag machten wir einen 15 km Marsch. Der Regen fisselte uns bis auf die Haut naß. Die Uniform ist jetzt noch klamm. Wenn Ihr uns manchmal sehen könntet, wenn wir aus dem Gelände wiederkommen, von oben bis unten voll Lehm und feuchtem Dreck, dann würdet Ihr glauben, wir kämen direkt aus Rußland. Das schlimmste ist dann, daß der Anzug wieder tadelos sauber gemacht werden muß. Sonst ist es schon auszuhalten, wenn man auch manchmal flucht.

Eine herzlichen Sonntagsgruß sendet Euch, meine Lieben,

Euer Karl Heinz