Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 15. November 1942
Herford, den 15. November 42.
Meine Lieben!
Es ist immer ein spannender, freudiger Augenblick, wenn die Post verteilt wird, erst recht, wenn man seinen Namen hört. Euren Brief und die Karte habe ich dankend erhalten. Es freut mich sehr, daß Vater wieder gesundet. Ich wünsche ihm alles Gute, daß er bald wieder bei Kräften ist.
Allmählich habe ich mich voll und ganz an das Kommißleben gewöhnt. Der Dienst wird wohl schärfer, aber man kennt nun den Dreh, und wenn man auf Draht ist, klappt es schon. Am Freitag machten wir einen 20 km-Gepäckmarsch, den ich ganz gut überstanden habe. Es hatte nicht geregnet. Gegenüber vielen anderen Kameraden habe ich dabei nicht viel Last mit meinen Füßen. Gestern hatte ich den ersten Alleinausgang. Ich bin zur Beichte gewesen und habe noch einige Besorgungen gemacht. Heute morgen ist es mir gelungen, mit noch drei Kameraden zur Kirche zu kommen. Ich muß dann nur um ½ 7 Uhr
aufstehen, während die anderen bis 8 Uhr pennen. Soviel ich von meinem Korporal hörte, kann ich das jeden Sonntag machen, wenn nicht gerade der Dienst vor 9 Uhr beginnt. Der Kompaniechef darf mich nach den Bestimmungen nicht zurückhalten. Ich habe heute morgen zum ersten Mal hier in Herford die hl. Kommunion empfangen. Nächsten Sonntag ist wieder Militärgottesdienst, der nur einmal im Monat stattfindet. Heute habe ich keinen Ausgang, weil ich Alarmkommando habe. In dieser Woche habe ich einen Abend 2 Stunden draußen mit dem Alarmkommando am M.G. gestanden. Es sind sehr viele Flieger hierüber geflogen, jedoch ohne Bombenabwurf. Unser Chef hat gesagt, wir bekämen alle während unserer Ausbildungszeit einmal Sonntagsurlaub. Heute sind die ersten Rekruten in Urlaub, darunter Willi Jüngst. Der Urlaub geht ab Samstag Mittag, so daß man abends schon zu Hause sein kann. Wie wäre es, wenn ich zu Günters Namenstag in Urlaub käme, also am 28./29. d. M.? Es ist freilich
fraglich, ob ich das Urlaubsgesuch bewilligt bekomme, denn dazu muß ich die Einwilligung aller Vorgesetzten bis zum Chef haben.
Am letzten Montag war hier eine große Aufregung. Jede Kompanie mußte einen Zug stellen, der abkommandiert wurde. So stellte man auch aus uns Rekruten (etwa 40 Mann) und aus den Unterführern (15 Mann) einen Zug zusammen. Ich war auch dabei. Es wurde gemunkelt, wir kämen ins beset[zt]e Gebiet, vielleicht nach Dänemark, zum Westen oder Süden. Wir brauchten keinen Dienst zu machen und mußten auf unseren Stuben der kommenden Dinge warten. Die Sache war sehr ernst, das merkten wir an unseren Vorgesetzten, die schon ärgerlich waren, daß sie auch in diesem Jahre Weihnachten nicht zu Hause feiern sollten. Sie waren fast alle im Winter im Osten. Nachmittags machten wir wieder Dienst mit, und am anderen Tag sickerte es allmählich durch, daß wir doch nicht ausrücken brauchten, und so blieben wir denn hier. Die Leute wurden dann aus der Marschkompanie (das sind ausgebildete Soldaten, die auf ihren Einsatz warten) und von einigen ausgebildeten
Leuten zusammengestellt. Am Montag war sofort ein Trupp losgezogen, um etwa 100 Pferde zu holen. Alles wurde neu eingekleidet von diesen Soldaten, und vorige Tage rückten sie ab nach Frankreich. Was ich Euch jetzt schrieb, dürft Ihr keinesfalls weitererzählen!
Gestern habe ich 50 RM auf mein Postsparbuch eingezahlt. Wir dürfen hier nicht mehr als 10 RM bei uns haben. – Hier ist es schon ziemlich kalt. Vorige Tage war morgens alles dick bereift, sodaß es fast wie Schnee aussah. – Die Handschuhe, die ich wieder nach Hause geschickt habe, sind mir doch zu klein. Mutter soll sie nur für Gisbert halten. Übrigens kann ich noch etwas von dem Maschinenschreibpapier gebrauchen. Hier sind keine Nägel aufzutreiben. Schickt mir bitte im Umschlag 6 Nägel 1“, 6 St. 1 ¼“, 6 St. 1 ½“. In meiner rechten Kommodenschublade sind in den Briefumschlägen Kunstkarten. Bei dem Stoß der Fotokarten sind einige Karten mit dem Bild des hl. Pankratius, die ich gern geschickt hätte.
Euch allen sende ich recht herzliche Grüße,
Euer Karl Heinz