Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 22. November 1942

Herford, den 22.XI.42

Meine Lieben!

Gerade komme ich aus der Stadt zurück. Ich habe mir den Film: „Die Entlassung“ angesehen. Er ist wirklich großartig. Anschließend bin ich mal zu Vaters Kriegskamerad Ernst Deppe gegangen. Er ist Besitzer einer Schankwirtschaft; sein Bruder ist Metzgermeister. Er erinnerte sich noch schwach und fragte, ob Vater nicht auf der Schreibstube gewesen sei. Ich soll Grüße ausrichten. – Heute morgen hatten wir Militärgottesdienst. Es gingen von unserer Kompanie keine 30 Katholiken und nur 3 Protestanten zur Kirche. Das ist einfach toll, zumal niemandem diesbezüglich Schwierigkeiten gemacht werden. Andere Kompanien sind stärker vertreten.

Und nun will ich auf Eure Briefe eingehen. Vater danke ich für seinen langen Brief. Es freut mich sehr, daß Du wieder auf den Beinen bist. Hoffentlich gesundest Du bald ganz und bleibst gesund. Für die Zusendung der „Verkäufer-Praxis“ danke ich Dir. Ich würde mich freuen, wenn Du mir auch die „Fach-

jugend“ und „Der junge Mann im Eisenwarenhandel“ regelmäßig schickst. – Mit der Warenbeschaffung sieht es ja böse aus. Ich dachte mir schon damals, als die Neuregelung veröffentlicht wurde, daß es so kommen würde. – Die „Feldpost der Heimat“ habe ich prompt bekommen. Übrigens standen Gisbert und ich namentlich darin. Den „Taugenichts“ von Eichendorff, lieber Fritz, habe ich leider nicht gelesen. Ich habe mir hier ein Büchlein von P. C. Ettighoffer gekauft: „Servus Kumpel“. Es berichtet auch von einer „romantischen Art zu reisen“. Demnächst werde ich es bei Gelegenheit nach Hause schicken. Du kannst es Dir mal durchlesen. Günter hat mit seiner Hand sicher einen „tofften Quetsch“ am Kotten. – Heute morgen traf ich Multhaupt an der Kirche. Er fährt nächsten Sonntag wieder heim und will einige Sachen von mir zu Euch bringen, schmutzige Wäsche und anderes. Mein Nachthemd werde ich auch mitgeben. Mutter kann ja ein Reines gleich wieder mitgeben, wenn es Multhaupt recht ist. Die Taschentücher kannst Du mir ja zuschicken, wenn Du sie gewaschen hast. Ich kann noch einen Büchsenöffner gebrauchen; es kann ein ganz

einfacher sein. Wir bekamen nämlich vor kurzem Fisch in Tomaten in Büchsen. Dann benötige ich noch einen Wetzstein zum Schärfen meines Messers und ein Putzmittel für Eisen, das aber auf keinen Fall Schrammen nach dem Putzen hinterlassen darf. Ein leeres Marmeladenglas werde ich dem Multhaupt auch noch mitgeben.

Die Zeit eilt mit Riesenschritten weiter. Heute in 5 Wochen ist Weihnachten schon vorbei. Ich schrieb schon, daß ein Urlaub zum Fest sehr fraglich ist. Die Eisenbahn ist nämlich in den Feiertagen derart überlastet, daß wir wohl vor den Fronturlaubern und den Soldaten, die schon ein paar Jahre Weihnachten nicht mehr zu Hause waren, zurücktreten müssen. Eine amtliche Entscheidung ist freilich darüber noch nicht heraus. Mutter möchte gerne meine Weihnachtswünsche wissen. Ja, was soll ich mir da schon groß wünschen? Man kann ja doch nichts kaufen. Günter oder Fritz kann einmal zur Borromäusbibliothek gehen und sich nach den Büchern erkundigen, die ich dort als Gabe bestellte. Wenn diese kommen, kannst Du, liebe Mutter, sie mir ja zu Weih-

nachten schenken. Was Du mir an Futteralien schickst, überlasse ich Dir. Du wirst mich schon nicht zu kurz bedenken, liebe Mutter. Ein Glas Marmelade wünsche ich mir zu Weihnachten auch, da bis dahin mein Vorrat erschöpft ist. Eine Briefmappe kann ich auch noch gebrauchen oder wenigstens eine Briefblock. Falls Du noch Kunstkarten auftreiben kannst, die ich als Weihnachtskarten verwenden kann, bitte ich um Zusendung mit dem Wäschepaket. Mir fällt sonst nichts Besonderes an Wünschen ein. Du kannst ja all die Kleinigkeiten, um die ich so nach und nach bitte, als Weihnachtswünsche auffassen. – Das Schreibmaschinenpapier und die Nägel habe ich erhalten. Heute morgen konnte ich wieder kommunizieren. Ich hoffe, es nun jeden Sonntag tun zu können. Das „Opfer“ des Frühaufstehens, liebe Mutter, ist gar kein Opfer für mich. Ich habe auch so genug Schlaf. – Gisbert schenkte mir zum Namenstag ein Reklambändchen und den „Reibert“ für die Maschinengewehrkompanie (ein milit. Buch). Er schrieb mir, daß aus seinem Studienurlaub

nichts würde. – Heinz Keß ist also der zweite Mann von unserem Kotten, der gefallen ist. Ich kenne ihn sehr gut, denn ich habe lange Zeit mit ihm in der Eisenwarenabtlg. zusammengearbeitet und auch schon einige Tage in der Packkammer. Sein Bruder ist mit mir zusammen eingezogen worden und liegt hier in Herford.

Übrigens schicke ich Euch auch ein Paar Fußlappen zum Waschen. – Von hier gibt es nicht viel zu berichten. Letzte Nacht war der erste Frost und

Schneefall. Jetzt regnet es wieder. Der Dienst ist stramm, doch ist er auszuhalten.

Herzlichen Sonntagsgruß sendet Euch allen

Euer Karl Heinz