Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 12. Dezember 1942
Frankreich, den 12.XII.42
Meine Lieben!
Freitag erhielt ich Euren Brief und gestern die Illustrierten. Besten Dank! Die Post läuft nach hier etwa drei Tage.
Zunächst will ich Deinen Brief, liebe Mutter, beantworten. Ich wäre natürlich auch lieber nach Südfrankreich gekommen, aber der Soldat muß dort seine Pflicht erfüllen, wo er hingestellt wird. Bezüglich der dicken Luft brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Einzig die englischen Flieger, die hier fast jeden Tag zu sehen sind, können unangenehm werden. Alarm kennen wir hier nicht, da wir hier sonst den ganzen Tag nicht aus dem Keller kämen. Wir haben hier dauernd Alarmstufe 1. – Besonders müde war ich nach der Herfahrt nicht, da wir im Zug genug pennen konnten. Die Verpflegung ging an. Auch hier ist es in dieser Beziehung auszuhalten, wenn auch manchmal die Quantität gesteigert werden könnte. – Vorgestern machte unser Rekrutenzug die erste Radfahrübung; 80 Mann in einer Kolonne, ein ungewohntes Bild. Ich bin immer noch M.G.-Schütze, wenn ich auch jetzt mit dem
leichten M.G. schieße. – Aus dem Weihnachtspäckchen von Scheepers (übrigens habe ich noch viel mehr bekommen, als ich Euch zuschickte) erbitte ich, sobald Du mir Päckchen schicken kannst, die Taschenlampe. Meine Rundstablampe ist defekt. Ich brauche also auch keine Batterie mehr geschickt zu bekommen, da ja eine drin ist. Übrigens konntest Du mir bis zum 10. Dez. noch 100 g-Päckchen schicken (ohne Zulassungsmarke). Leider ist der Termin nun vorbei. Zulassungsmarken konnte ich nicht mehr bekommen. Mit meinen Weihnachtsgeschenken für Euch ist es in diesem Jahr recht kläglich bestellt. Ich will versuchen, bis nächsten Sonntag noch ein Päckchen für Euch zusammenzustellen, daß Ihr wenigstens meinen guten Willen seht. Es freut mich sehr, liebe Mutter, daß Du Dir Sorgen machst, wie Du mir eine Weihnachtsfreude bereiten kannst. Ich kann Dir einen Fingerzeig geben: Ich bedarf unbedingt Eures Gebetes. Ich finde hier nur selten Gelegenheit, meine Gedanken auf Gott zu lenken, es sei höchstens in einem Stoßgebet. Auf viele Gnadenquellen muß ich nun verzichten, die mir früher Kraft gaben. Da könnt Ihr mir eine große Freude bereiten, wenn Ihr für mich zu Gott fleht
daß ich all die schweren Dinge des Soldatenlebens trage. Ich ecke hier viel an .... Ein zweites kannst Du tun, liebe Mutter, wenn Du mir meine Wünsche erfüllst. Ich habe heute schon wieder Neue. Wiege doch mal bitte aus, ob ein Taschentuch mit Briefumschlag mehr als 50 g wiegt. Wenn nicht, so schicke mir bitte zwei oder drei auf diese Art. Die Schmutzigen werde ich dann nach Hause schicken. Wenn ich nämlich selbst Taschentücher wasche, werden sie doch nicht so sauber, zudem verkürzt es die knappe Freizeit. Dann bitte ich um ein Eßbesteck. Wir haben hier wohl eines vom Militär, aber das ist aus Eisen und rostet. Mir genügen Gabel und Löffel. Du kannst mir entweder diese von meinem zurückgeschickten Besteck oder zwei einzelne andere schicken, aber rostfrei! Weiter bitte ich um eine Butterdose. So häufen sich allmählich meine Wünsche. Erfülle sie mir bitte, sobald die Sperre aufgehoben ist. Falls ich bis dahin noch keine Zulassungsmarke habe, kannst Du die Dinge vielleicht auch in 100 g-Päckchen unterbringen. – Als ich von Deiner Weihnachtsbäckerei las, lief mir das Wasser im Munde zusammen. Mir werden natürlich auch verspätete Weihnachtsplätzchen und –kuchen schmecken. – Es freut mich, daß Gisbert nun doch noch Studienurlaub
bekommen hat. Seine jetzige Anschrift wird wohl wieder Endenicher Str. 13 sein. Fein, daß Gisbert nun vielleicht doch noch Offizier wird. – Was macht Fritz noch? Geht er noch nicht zur Penne? – Vater danke ich für die Illustrierten. Leider haben wir hier wenig Zeit zum Lesen. Ich bekam mit gleicher Post die „Feldpost d. H.“ Der Sonntag ist für uns der reine Waschtag. Unser Drillichzeug, die Strümpfe, Handtuch, Kragenbinde müssen gewaschen werden. Das macht bei den schlechten Bedingungen viel Arbeit. Mutter kann mir mal schreiben, wie man Strümpfe wäscht, ob auf links oder rechts, wie man kalt und warm wäscht, mit oder ohne Seife usw. Man lernt beim Kommiß alles! Übrigens könnt Ihr mir durch Postanweisung im Monat bis zu 36 RM schicken, die ich hier in Franken ausbezahlt bekomme. Da man hier gelegentlich noch mal etwas rares kaufen kann, nur furchtbar teuer, so bitte ich um eine Sendung Kieß (Geld). Ihr könnt das Geld von der Sparkasse abheben lassen. Was ich für Euch kaufe, könnt Ihr mir ja gutschreiben. Neulich konnte man in unserer Kantine Schokolade kaufen, 250 g 9,50 RM. Heute Pralinen, 1 Pfd. 11,50 RM. Das ist mir doch etwas zu teuer. – Heute hatten wir keinen Gottesdienst; die Protestanten gingen zur Kirche. Gestern waren wir im Varieté und sahen anschließend den Film: Kleine Mädchen, große Sorgen, Wochenschau, Kulturfilm. Zum Varieté eine tolle französische Jazzkapelle (14 Mann), etwas für Günter. Morgen kommt das Fronttheater nach hier. Nun sende ich Euch allen herzliche Grüße,
Euer Karl Heinz