Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 20. Dezember 1942

4. Adventssonntag   Frankreich, den 20.XII.42

Meine Lieben!

Vor einem Monat hatte ich noch die schwache Hoffnung, Weihnachten zu Hause feiern zu können, und nun sitze ich in Feindesland weit ab von Euch. Wenn dieses Weihnachten für mich ziemlich einsam sein wird – vielleicht werde ich nur wenige Stunden während der Festtage würdig der hohen Tage verbringen können -, so soll mir doch die rechte Freude nicht fehlen, von der Gisbert mir schon schrieb. So schön wie die Familienfeier auch an diesen Tagen ist, so stellt sie doch nicht das Wesentliche und Eigentliche des Festes dar. Gerade jetzt, wo vieles Äußere wegfällt, kann ich mich auf die Mitte konzentrieren. Vielleicht ist das auch eine Gnade, für die ich dankbar sein muß.

Mit all diesem will ich nun nicht sagen, ich wolle mich von Euch lossagen. Nein, gerade in diesen Tagen werden meine Gedanken bei Euch sein, nicht in wehmütiger Stimmung,

sondern in treuem Gedenken, voll Liebe. Ich bin überzeugt, daß unser gegenseitiges Gebet in diesen Tagen uns viele Gnaden bringen wird. Im Geiste sehe ich Euch schon beisammensitzen – leider fehlen zwei – um den Weihnachtsbaum in gemütlicher Runde. Da ist das Familienhaupt, unser Vater, der froh ist, den Weihnachtsbetrieb hinter sich zu haben. Die Ruhe der Feiertage hat er wohl verdient, hat er doch von morgens bis abends gearbeitet für die Seinen in treuer Sorge. Lieber Vater, ich danke Dir für alles Gute, was Du mir in dem vergangenen Jahr gegeben hast. Leider fehlt mir die Möglichkeit, es zu vergelten; so lohne es Dir Gott. Und dann sitzt die liebe Mutter da, nimmer rastend und dauernd schaffend. Sogar am Feste selbst schafft sie mit kundiger Hand, um die hungrigen Mäuler mit den besten Sachen zu füttern und alles recht gemütlich zu gestalten. Ich weiß, mit welcher Liebe sie mir die Weihnachtspakete – noch sind sie verschlossen – zusammenstellte, wie sie mich auch noch draußen

mit Ihrer Sorge umhegt – ich sehe es an den lieben Briefen. Dir, liebe Mutter, kann ich nicht genug danken für alle Liebe, die Du mir schenktest. Und ich habe mich oft dieser Liebe nicht wert erwiesen. Am Fest des Friedens vergiß meine Untaten, auf daß wir eines Herzens und eines Sinnes sind. Weiter sitzt nun Gisbert wieder bei Euch. Ich kann mir Deine Freude vorstellen, lieber Bruder, die Freude, studieren und Weihnachten zu Hause sein zu dürfen. Ich danke Dir für Deinen feinen Brief mit der Kunstkarte, der mich sehr gefreut hat. Dein Wunsch, mir möge lauter Schönes begegnen, erfüllt sich nicht. Die Welt ist nun mal nicht nur für das Schöne und Gute offen, sondern auch für viel Schlechtigkeit. Meinen Kopf werde ich oben behalten, das kann ich Dir wohl versprechen. Was Du mir von der Freude schreibst, bestätige ich voll und ganz, und ich glaube, daß ich etwas von dieser rechten Freude des Christen besitze. Den Spruch der Hl. Theresia habe ich übrigens in meinem Tagebuch stehen. – Auch Dir, lieber

Bruder, danke ich für vieles Gute, das Du mir in brüderlicher Liebe schenktest. – Und noch einen sehe ich in dem kleinen Kreise, unseren Benjamin. Ja, Fritz, Du wirst Dich auch auf Weihnachten gefreut haben, ist es doch etwas unbeschreiblich Schönes. Hoffentlich bist Du zufrieden in diesen Tage, wenn die Gaben nicht so reichlich sind wie früher. Ich würde mich freuen, wenn Du mir vom Weihnachtsfest daheim etwas schenken würdest durch einen Bericht.

Beihnahe hätte ich noch etwas vergessen, liebe Mutter. Du hast ja übermorgen Geburtstag! Zu Deinem 50. Geburtstag (zu Deiner Beruhigung: 49 Jahre, oder nicht?) wünsche ich Dir alles Gute und noch recht viele, glückliche Jahre.

Nun wünsche ich Euch allen ein recht frohes Fest. Die Gnade unseres Herrn möge Euch allen reichlich zuteil werden.

Für Euch, liebe Eltern, einen herzlichen Weihnachtsgruß, für Euch, liebe Brüder, einen kräftigen Händedruck,

Euer Karl Heinz