Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 26. Dezember 1942
Frankreich, den 26.XII.42
Stephanus
Meine Lieben!
Weihnachten ist nun schon fast vorbei. Es war in diesem Jahr so ganz anders, ohne all die altgewohnten Dinge. Viel geschah in diesen Tagen, daß Weihnachten uns Soldaten angenehm und festlich gemacht wurde, und doch war das meiste unweihnachtlich. Ich will nun kurz berichten, was ich erlebte seit dem 24. d. M.
Am Weihnachtsvortage war morgens Revierreinigen. Die Stuben wurden gereinigt und etwas festlich gemacht. Alle Klamotten brachten wir in Ordnung. Am Nachmittag trat die ganze Schwadron an und marschierte zum Gottesdienst in einem Nachbardorf. Der evangelische Divisionspfarrer hielt für beide Konfessionen diesen ab. Leider klappten die Lieder nicht. Die Ansprache war dafür sehr gut. Anschließend wurde für die Katholiken vom kathol. Wehrmachtspfarrer die hl. Messe gelesen und nach der Generalabsolution die hl. Kommunion ausgeteilt. Der äußerlich dürftige Gottesdienst hat mich dennoch beglückt, zumal ich an den Feiertagen selbst nicht zur Kirche konnte. Es ist ja in Frankreich für die Wehrmacht verboten, am Zivilgottesdienst teilzunehmen.
Kaum waren wir wieder hier angekommen, als die Weihnachtsfeier der Schwadron begann. In einer Garage war der Festsaal eingerichtet; es war wirklich gut gelungen, die schäbigen Wände waren mit Grün verkleidet. Vorne hatte man eine Bühne aufgebaut, neben der ein riesiger Tannenbaum aufgestellt war. Wir setzten uns an die weißgedeckten Tischreihen, auf denen für jeden eine Weihnachtstüte großen Formats lag. Daneben lagen 6 Stücke feinen Platenkuchens (Streusel-, Apfel- und Cremekuchen). In der Tüte waren 4 Äpfel, 2 Pakete echter Aachener Printen, 40 deutsche Zigaretten, eine Tüte Bonbons, eine Menge Plätzchen und eine Tüte mit 60 g Bohnenkaffee. Letzteren bekamen wir nachher auch ausgeschenkt. Dann kam später noch der Weihnachtsmann und brachte Cognakflaschen, je eine für drei Mann. Im Verlaufe des Abends wurde dann noch Rot- und Weißwein ausgeschenkt. Im ersten, ernsten Teil der Veranstaltung wurden eine Reihe musikalische Darbietungen zum Besten gegeben. Es sang ein Chor von 20 Soldaten, es spielte unser Mundharmonikaorchester, es spielten ein Klavier, drei Geigen, ein Akkordeon und eine Mandoline. Unser Abteilungsführer, der einige Zeit bei uns weilte, hielt eine Rede, in der er sich lobend über unsere
Schwadron aussprach. Er sagte unter anderem, wenn wir in einigen Wochen die Gewehre übernehmen und abmarschieren würden ..... Daraus können wir ersehen, daß wir wohl im Februar schon nicht mehr hier sind. Es wird schon seit langem erzählt, wir kämen am 16. Januar für 6 Wochen als Generalswache in einen Ort nicht weit von hier. Lieber das als nach Rußland – diese Aussicht besteht nämlich auch. – Im zweiten lustigen Teil des Abends wurden vom Chor eine Reihe feiner Soldatenlieder dargeboten und einige andere Dinge aufs Trapez gebracht. Ich kann nicht alles ausführlich berichten. Jedenfalls hat sich die Schwadron, die ja erst wenige Wochen existiert, wirklich alle Mühe gemacht, um eine festliche Stimmung herbeizuführen. Das Mögliche wurde getan, und doch gefiel mir alles nicht, war es doch nur wie irgend ein Fest und nicht wie Weihnachten. Als allmählich die Kameraden auf die Stuben gingen, wurde dort von einigen Kerlen die Cognakflasche geöffnet und ein Saufgelage veranstaltet. Während einige zu Bett gingen, gröhlten die andern in die Gegend hinein. Ein unheiliger und unwürdiger Heiliger Abend! Mitten in der Nacht kam dann noch das besoffene Unteroffizierschor,
um einen frischgebackenen Unteroffizier aus der neben uns liegenden Unterführerstube zum Gelage zu holen. Es gab einen Heidenlärm mit Scherben. Das war eine Weihnachtsnacht, die mich anekelte, zumal noch Stubenkameraden nach der Sauferei sich übergaben, ein anderer mit wirren Reden herumspukte. Am anderen Morgen standen wir erst spät auf und machten unsere Sachen in Ordnung. Mein Gottesdienst bestand darin, daß ich mich in die Hl. Schrift vertiefte, wie ich es immer tue, wenn ich keine Gelegenheit zum Kirchgang habe. Mittags gab es ein feines Essen: Erbsen mit Möhren, Kartoffeln mit Soße, Schweinebraten, Apfelkompott. Nachmittags um ½ 2 Uhr mußte die ganze Schwadron antreten. Es waren ca. 200 neue Fahrräder gekommen, die an der Bahn abgeholt werden mußten. 8 km Marsch zum Bahnhof, die Fahrräder ausgepackt und zurück. Jeder fuhr zwei Räder (das eine wurde mit einer Hand geführt). Gegen 5 Uhr saßen wir wieder auf der Stube. Ich schrieb dann bis zum Abend, nachdem wir zum Bohnenkaffee noch 4 Stücke von dem prima Kuchen bekamen. Heute morgen machten wir wieder unsere „Spielsachen“ in Ordnung. Ich
wusch mein Drillichzeug, Handtuch, Strümpfe, Kragenbinde und machte noch andere Arbeiten, damit ich wenigstens die Nachmittage der Feiertage ganz frei habe. Heute Mittag gab es wieder ein kräftiges Essen: Möhren, Kartoffeln mit Soße, Schweinebraten. Sonst sehen wir hier meisten „Radfahrsuppe“, d. i. Suppe aus Kappes oder Möhren oder Sauerkraut. Heute Nachmittag schreibe ich wieder. Das ist mein Weihnachten. Trotz aller unschönen Dinge, die mir in diesen Tagen begegneten, habe ich doch viele Freude gehabt. Einmal schöpfte ich diese aus dem Glauben, zum anderen gabt Ihr sie mir. Eure Weihnachtspost, die ich gestern erhielt, sowie die letzten Briefe und nicht zuletzt die Pakete, die ich gestern nachmittag öffnete, machten mir große Freude. Ich will nun auf Eure Briefe eingehen. Zuvor noch meinen allerbesten Dank für die feinen Plätzchen und Süßigkeiten, von denen ich mir einiges bereits zu Gemüte geführt habe – nicht ohne die nötige Andacht! Ebenfalls haben mich die feinen Kunstkarten sehr erfreut. Sie waren mir
ein Lichtstrahl aus einer schöneren Welt in meine mehr oder weniger sture Umgebung. Ich schicke sie Euch wieder heim zur Aufbewahrung. Gleichzeitig werde ich Vater 10 Zigarillos zuschicken, für die ich keine Verwendung habe. Falls sie Vater nicht rauchen mag – ich kenne nichts von ihrer Qualität – werde ich sie später meinen Kameraden geben. Das ist nur nicht einfach, da wir mit 16 Mann auf der Stube liegen, und ich mit keinem besondere Bande knüpfte. Meine Zigaretten werde ich vorläufig Günter schicken. Dann habe ich Euch, Vater und Mutter, den Bohnenkaffee zugedacht, für den ich doch keine Verwendung habe. Mutter soll mal ein anständiges „Köppcken“ brauen. Dazu schicke ich noch einige Briefe.
Und nun zu Euren lieben Briefen! Mutters Brief von 18.XII.! Die Taschentücher habe ich bekommen. Ich lasse sie jetzt, wenn ich sie nicht selbst wasche, zur Waschfrau mitgehen; Wehrmacht bezahlt. Strümpfe kann ich Dir, soweit es die Wehrmachtsstrümpfe sind, nicht schicken. Wenn
ich die eigenen Strümpfe schmutzig habe, kann ich sie Dir ja zuschicken. Für die Zusendung des Geldes meinen besten Dank. Bis jetzt habe ich es noch nicht erhalten, doch läuft das immer so langsam. Ich habe mir von meinem Geld auch etwas gegönnt: Seit anderthalb Wochen kaufe ich fast jeden Tag beim Bauern zwei Eier, die das Stück 40 Rpf. kosten. Wenn das auch teuer ist, so esse ich doch lieber morgens und abends ein Ei, als das ich das Geld wie die Kameraden versaufe. Hier kostet übrigens ein Likör nur 20 Rpf. in der Kantine. Es freut mich, daß Du schon wieder drei Zulassungsmarken hast, doch verwahre eine bitte für besondere Fälle. Vor allem schicke mir die erbetenen Sachen (Tinte, Taschenlampe, Butterdose usw.) zu. Falls die Sperre bis zum 10.I. dauern sollte, warte bitte erst Bescheid von mir ab, ob Du mir noch was schicken sollst, da wir wahrscheinlich am 16. Stellungswechsel machen. – Mutters Brief vom 13.XII.: Dieser Brief kam später an als der vom 18. d. M. Die Marzipanwurst ist mir augenblicklich
auch lieber als eine von Fleisch. – Schade, daß von den Gaben der Bücherei scheinbar nichts ankommt. Bohnenkaffee, Butter und Stoffe kann ich hier nicht mehr ergattern; Weinbrand vielleicht, aber den kann ich nicht in 2-Pfundspäcken verstauchen. Übrigens werde ich, wenn ich eine kleine, leere Flasche auftreiben kann, Euch meine Drittelflasche Cognak zuschicken. Er soll sehr scharf und gut sein. Andernfalls verschenke ich ihn. Bezüglich Geld schicken: Wir können hier nur mit französischem Geld kaufen (keine Reichskreditscheine!). Das Schicken von Geld in Briefen ist streng verboten. – Die Sache mit der Gestapo, lieber Vater, ist ja nun erledigt. Du hast richtig gehandelt. Besten Dank für Deinen lb. Weihnachtsbrief. Die Gehaltsverbesserung tat not. Es freut mich, daß das Weihnachtsgeschäft so gut klappt. Mit Deiner Warenzurückhaltung für Weihnachten hast Du recht getan. Ich kann mir die freudigen Gesichter der Kunden vorstellen. Hoffentlich kommt jetzt nicht eine allzugroße Flaute, vor allem im Warennachschub. – Mit dem
Freude machen ist es nicht weit her, aber ich werden den Kopf schon nicht hängen lassen. Bezüglich Wünsche: Ich brauche noch eine kleine Nagelbürste. Sie muß aber hart sein und ganz kurze Borsten haben (nicht so eine, wie ich von Scheepers bekommen habe; diese nur, wenn nicht anders vorhanden). – Besten Dank Dir, lieber Gisbert für Deinen Brief. Ich freue mich, daß Du Deine Ferien u. a. dazu verwenden willst, in der Pfarrjugend mitzuarbeiten. Gleich einige Typs: Sorge für regelmäßige Singkreise, für die Dotz verantwortlich ist. Kümmere Dich vor allem um die ältere (Pankratius-)Gruppe, deren Führer Franzjosef Rhode ist. Sie darf nicht Pleite machen! Otto Binz ist der Führer einer neuen Gruppe, der Schulentlassenen von 1943. Sorge bitte dafür, daß diese Gruppe recht ins Rollen kommt. Na, Du wirst als alter Kutscher schon sehen, wo es fehlt. – Hoffentlich klappt es mit Deiner Offizierslaufbahn. – Du willst mich doch nicht hochnehmen mit Deiner Frage, ob ich noch nicht rauche? Eigentlich ist es bei Deiner Menschenkenntnis doch zu erwarten, daß Du mich kennst. Wenn ich einmal einen Grundsatz gefaßt habe, halte ich auch
daran fest! Aber nichts für ungut: Besten Dank für Dein Angebot! Und wie wäre es, wenn ich den Spieß umdrehen würde? Ich bekomme ja Rauchwaren mit der Verpflegung. – Dein Brief stimmte mich in etwa traurig. Du schreibst so feine Dinge von der Kameradschaft und von der Leuchte, die ich sein sollte, und wenn ich die Wirklichkeit betrachte, so möchte ich mich schämen. Es ist schwer, mit 15 Kameraden auf gutem Fuß zu leben. aber daß ich mit keinem auf einen grünen Zweig komme, deucht mir nicht gut. Ich ecke viel an, leider aber auch durch eigene Schuld und nicht nur durch meine Grundhaltung. Mein eigener Kopf will sich nicht so einfügen, wie es sein müßte. Mein Gruppenführer sagt, ich müsse mir meine zivilistischen Alüren abgewöhnen. Mir liegt das Soldatspielen nun mal nicht besonders. Ich mühe mich natürlich, meine Pflicht zu tun, und manchmal macht es mir auch Spaß. Aber gerade das Thema Kameradschaft.... Mir fehlt noch vieles von der früheren Erziehung auf Fahrt, in den Gruppen. Trotz allem laß ich den Kopf nicht hängen, sondern versuche, meinen Weg zu
gehen, so gut wie ich kann. Mit dem KOB ist natürlich für mich nichts zu machen; bin aber nicht traurig darum. Für Deine Gebetshilfe Dank. Ich bete auch für Dich. – Und nun zu Deinem Brief, liebe Mutter! Grüße bitte Tante Aloysia von mir. Ich hatte ihr nach Rheindahlen geschrieben. Du wirst sicher bezüglich meines Eiersegens neidisch sein. Schade, daß ich Dir keine Kiste voll schicken kann. – Daß ich die Weihnachtspakete nicht vorzeitig öffnete, fiel mir nicht schwer; meine Kameraden lachten mich freilich deswegen aus. – Die Lage des Büchermarktes wundert mich nicht. – Besten Dank für das Faltenhemd (für den ersten Urlaub!). Schon jetzt Dank für die kleinen Bücher. Ich muß mich kurz fassen (eigentlich Hohn bei der 11. Seite!); dies ist mein letztes Blatt vom Schreibblock. Übrigens habe ich meinen Vorrat an Feldpostkarten wieder erschöpft. – Lieber Fritz, ich danke Dir für Deinen Brief (seit langem warte ich darauf!) Ich wollte, ich könnte mal mit Dir schwimmen gehen. Hier kann man sich nur an der Pumpe waschen. Schnee haben wir hier auch nicht, dafür aber Regen und tiefe Matsche. Übrigens brauche ich unbedingt Lederfett für mein Schuhwerk.
Daß Günter sich gut steht mit der Küche, kann nicht verkehrt sein. Ich rechne noch mit Deinem Weihnachtsbericht.
Ich will nun endlich diesen schon überlangen Brief beenden. Es ist vielleicht der längste meiner Militärzeit. – Übrigens habe ich außer von Euch nicht viel Weihnachtspost bekommen.
Zum Jahreswechsel wünsche ich Euch alles Gute und den Segen des Herrn. Möge das neue Jahr den Frieden bringen!
Frohe Grüße Euch allen, auch Tante Aloysia,
Euer Karl Heinz.