Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 1. März 1943
1. März 1943.
Meine Lieben!
Wir sind unterwegs! Die erste Nacht im Waggon haben wir hinter uns. Wir sind zwar ziemlich eng, aber wir richten uns es so gemütlich wie möglich ein. Auf dem Boden haben wir Stroh liegen. In der Mitte befindet sich ein kleiner Ofen. Eine Reihe großer Bänke sorgt für weitere Bequemlichkeit. Die Stimmung unter den Kameraden ist gut.
Und nun zu Euren letzten Briefen. An demselben Abend (Freitag), als mein Kamerad mir Euer Paket brachte, erhielt ich Päckchen 1, 2 + 3, ebenso die Päckchen mit Kandis und Plätzchen. Meinen besten Dank für alles. Auch die Zeitungen und Illustrierten habe ich alle erhalten. Große Freude habt Ihr mir mit dem Riesenpaket gemacht. Leider war die Zeit, die mir zu seinem Genuß blieb, sehr kurz, so daß ich in den zwei Tagen vor dem Verladen im Überfluß lebte. Die Wurst habe ich noch nicht angebrochen; sie soll mir auf der Fahrt als Stärkung dienen. Auch Marmelade und Butter habe ich mitgenommen. Gefreut habe ich mich über das Obst, besonders die Apfelsine, das köstlich schmeckte. Der Kuchen war ja ein „Gedicht“, was auch meine Kameraden be-
stätigten. Die Plätzchen schmeckten vortrefflich. Die Schlappen sind gerade richtig. Ich nehme sie mit zum Einsatz. Alles in allem habt Ihr mir, besonders Du, liebe Mutter, eine ganz große Freude mit dem Paket gemacht. Das Schwarzbrot hat mir als Käseschnittchen wunderbar gemundet. Das Erste seit 4 ½ Monaten! Die Päckchen mit Batterie, Handtuch usw. habe ich ebenfalls dankend erhalten. Ich kann alles gut gebrauchen. –
Mutter schrieb, unser „Regiment“ läge in Rußland. Irrtum! Unsere Division lag in Frankreich und fährt jetzt zum Osten. Ich bin nämlich nicht, wie Gisbert damals, beim Ersatzhaufen, sondern bei der aktiveren Einheit. Unser Einsatz liegt irgendwo in Deutschland. Unsere Division, die ja den ersten Winter in Rußland kämpfte, wurde von den Russen gefürchtet und als „Mord- und Branddivision“ in ihren Flugblättern bezeichnet. Hoffentlich haben sie immer noch Angst vor uns!
Es freut mich sehr, daß ich das feine Buch von Rothes noch bekommen habe. Es stimmt, daß ich noch ein Guthaben beim Borromäusverein habe, dessen Höhe ich aber nicht mehr weiß. Frl. Rennecke kann das ja nachsehen; falls noch etwas übrig bleibt, soll das Geld dem Verein zur Verfügung stehen. – Wo wir einmal bei Büchern sind: Ich bekam vor einigen Tagen von einer Arbeitskameradin einen
Brief, in dem sie mir schrieb, daß sie ein Buch für mich besorgt hätte. Ich hatte ihr nämlich zur Zeit einige Bücher aufgeschrieben, die sie, wenn möglich, besorgen wollte. Ich bitte Euch, Fritz mal nach Scheepers zu schicken (erst anrufen! 33747). Er soll sich an Frl. Krampe wenden, das Buch abholen und bezahlen. Ich lege diesem Brief französisches Geld bei, daß an der Bank umgetauscht werden kann und zum Bezahlen des Buches verwendet werden soll. Übrigens habe ich das Postgeld (30 RM) noch nicht bekommen. In Zukunft werde ich mehr Löhnung (Frontzulage) bekommen. Da ich sie in Rußland wohl kaum ausgeben kann, schicke ich das Geld von Zeit zu Zeit nach Hause. – Den Brief vom Jugendseelsorgeamt schickt mir bitte zu. Meine Anschrift ändert sich ja nicht. – Hat Fritz die Prüfung bestanden? – Päckchen Nr. 10 + 1 habe ich natürlich nicht mehr bekommen. – Ich danke für die geschickten 10 RM, die ich freilich nicht mehr verwenden kann. –
2. II. Gisbert schrieb mir von Bonn. Da ich vorläufig nicht jedem schreiben kann (es ist ja auf der Fahrt verboten, Post abzuwerfen), so teilt Ihr dem Gisbert meinen Dank dafür mit und berichtet ihm von meiner Lage.
Unsere Verpflegung unterwegs ist gut und reichlich. Die letzte Nacht habe ich gut geschlafen. Inzwischen sind
wir schon mitten in Deutschland. Wir fuhren diese Nacht nördlich des Industriegebietes.
Nun möchte ich Euch noch berichten, daß ich keineswegs traurig bin, daß wir nun zum Einsatz gelangen. Es ist doch schließlich unsere Aufgabe als Soldaten, durch unseren Einsatz die Heimat zu schützen. Eine wirklich große Aufgabe, deren Erfüllung schon großer Opfer wert ist! Ich weiß, daß Gott mich nicht verlassen wird. Macht Euch nur nicht zuviel Sorge um mich, denn jede Kugel trifft ja nicht.
Nun will ich schließen. Betet für mich.
Frohe Grüße,
Karl Heinz