Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 28. März 1943

Rußland, den 28.III.43.

Meine Lieben!

Das war eine große Freude, als ich gestern die erste Post seit einem Monat erhielt, darunter zwei Briefe von daheim, und zwar Mutters Brief vom 25.II., der noch nach Frankreich gehen sollte, und Mutters Brief Nr. 1 vom 5. März. Ich danke Dir, liebe Mutter, recht herzlich dafür.

Ja, Mutter, Du hast recht: Was Gott tut, das ist wohlgetan! Wenn ich hier auch manches kleine Kreuz auf mich nehmen muß, so weiß ich doch, daß alles letztlich nur deshalb geschieht, damit Gott verherrlicht werde. Mein Lebensgrundsatz, den ich in mein Tagebuch schrieb, lautet: Gloria Dei – Alles zur Ehre Gottes. Wenn ich in irgendeiner schweren Lage bin, so brauche ich nur daran zu denken, und ich überwinde alles. Ich staune manchmal selbst, welche Kraft doch der Glaube hat. Man kann mit ihm wirklich Berge versetzen. – Liebe Mutter, ich schreibe Dir dieses, damit Du siehst, daß ich keineswegs den Mut sinken lasse. Vor allem weiß ich – Du schriebst es mir ja oft genug – daß Ihr daheim täglich für mich betet, und das gibt mir Kraft. Ich selbst komme nämlich nicht dazu, noch regelmäßig zu beten. Ich benutze dazu die ruhigen Augenblicke des Tages, um kurz in Verbindung mit Gott zu treten. Manchmal habe ich sogar die Gelegenheit, in die Heilige Schrift zu schauen, die ich ständig

in meiner Rocktasche bei mir trage (sie ist übrigens schon sehr mitgenommen!). Das sind kurze Gnadenmomente, die mir immer Kraftquellen sind. Sonntag gibts hier nicht. Es reiht sich ein Tag an den anderen, kaum, daß man noch das Datum weiß.

Unser ganzes Leben besteht ja nur aus Dienst, Essen, Schlafen. Darüber hinaus kommen die Wenigsten.

Liebe Mutter, Du möchtest gerne wissen, wo ich stecke. Ja, das kann ich Dir natürlich nicht schreiben. Nur soviel: Wir liegen hier am Donez in Stellung. Übrigens könnte ich gut eine ziemlich genaue Karte der Ukraine gebrauchen, damit ich selbst die Lage übersehen kann.

Ich vergaß, mich für die Illustrierten und Zeitungen zu bedanken, die ich ebenfalls gestern erhielt. Außerdem bekam ich zu meinem freudigen Erstaunen noch ein 100g-Päckchen (Nr. 9) mit drei Rollen Drops, daß sich scheinbar zwischen die Briefpost gemischt hatte. Herzlichen Dank! Die Päckchen mit Puddingpulver und Zucker hätte ich Frankreich noch gut gebrauchen können. Schade! Für das Buch, das Ihr mir schenkt, danke ich Euch herzlich. Gestern kam auch die „Feldpost d. H.“

Den Brief vom Jugendseelsorgeamt muß Willi Büse unbedingt bekommen. Du kannst ihn ja per Karte benachrichtigen oder durch Fritz. Seine Anschrift ist: Am Kalverkämpchen 6. Huth ist sehr ängstlich wegen der Altenberg-Sache. Es ist aber nicht so wild. Ich bekomme nämlich darüber von mehreren Stellen Informationen.

Hoffentlich hat Günter noch ein paar Wochen „Urlaub“, bis er eingezogen wird. Daß Fritz zu den Flakhelfern kommt, ist gut möglich. Herbert Redder und Franzjosef Rhode (Pfarrjugend) sind auch dabei. Es gefällt Ihnen dort blendend. Ist Gisbert noch in Bonn? Teilt mir bitte seine Anschrift mit, wenn er wieder in den „Einheitsanzug“ steigt. – Wie steht es eigentlich mit dem Tommy? Kommt er immer noch regelmäßig mit seinem Bombensegen?

Diesen Brief schicke ich per Luftpost. Wir bekamen nämlich vorhin zwei dieser Marken. Dann wißt Ihr wenigstens schnell, daß die Verbindung wieder hergestellt ist.

Ich bat schon in den letzten Briefen um einen Bleistift, einen Kopierstift und um eine Tagebuch mit ganz starkem Einband. Wenn Ihr mir dies zuschicken könnt, tut es. Mein altes Tagebuch ißt nämlich sein Gnadenbrot bei mir.

Meine Lieben! Ihr möchtet sicher wissen, was ich jetzt treibe. Vor einigen Tagen bin ich aus meiner alten Gruppe heraus in den Zugtrupp als Melder versetzt worden. Dadurch habe ich einige große Vorteile, aber auch Nachteile. Ich brauche nun keine Wache mehr schieben. Dafür laufe ich aber als Melder durch die Gegend. Der Hauptdienst ist in diesen Tagen für uns des Nachts. Wir haben hier das eine Ufer des Donez besetzt, und am anderen sitzt der Russe. Ab und zu feuern Scharfschützen einzelne Schüsse herüber, wenn sie nur irgend etwas sehen oder bei Nacht hören. Einzelne Granaten segeln ziellos hierher. Das ist alles. Der Donez ist noch zugefroren, aber es hat mächtiges Tauwetter eingesetzt. In den nächsten Tagen werden wir hier wieder abgelöst. Ich habe es soweit ganz gut. Ich liege immer mit meinem Zugführer zusammen im Quartier. Die Verpflegung ist gut. Ich werde dicke satt. Übrigens bekommen wir jetzt besseres Brot, das fast wie Weißbrot ist! Und viel Konserven. Also, mir gehts nicht schlecht, und das mag Euch genügen.

Ich habe wohl alles wissenswerte geschrieben. Euch wünsche ich alles Gute.

Frohe Grüße,

Euer Karl Heinz