Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 1. April 1943

Rußland, den 1.IV.43.

Meine Lieben!

Gestern abend erhielt ich mit der zweiten Postsendung in Rußland 5 Briefe von Mutter, und zwar vom 26.II., 27.II., 2.III., 9.III. und 13.III. Meinen besten Dank, auch für die vier Zeitungen, die ich mit gleicher Post erhielt. Liebe Mutter, Du hast scheinbar vergessen, die Briefe zu nummerieren, aber das ist meiner Meinung nach auch überflüssig, da dadurch verlorengegangene Briefe doch nicht herbeigezaubert werden können. – Die Post läuft augenblicklich noch sehr langsam, weil sie durch die schlechten Wegeverhältnisse – die Autos bleiben im Schlamm stecken oder kommen nicht über einen Fluß – nicht gut nach vorne kann.

Liebe Mutter! Gerade lese ich in Deinem Brief noch einmal den Inhalt des großen Paketes. Du hattest Dir wirkliche Mühe gemacht und ein vortreffliches „Sortiment“ an Futteralien zusammengestellt. Ich danke Dir nochmals dafür. Die Turnschuhe leisten mir übrigens auch in Rußland gute Dienste. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was das für eine Wohltat ist, nachdem man tagelang die Schuhe (Ich habe schon lange keine Stiefel mehr, wie viele Kameraden auch. Mit Schuhwerk sind wir sehr schlecht ausgerüstet.) nicht ausgehabt hatte, die Schlappen anzuziehen. Die Füße sind sowieso durch

lange Märsche und viel Nässe nicht in bester Verfassung. – Das „Sprachrohr“ erhalte ich noch. Mit gleicher Post schicke ich Euch das Letzte zu. – Es freut mich, daß mein Bild Euch immer vor Augen ist. Übrigens ist das Foto meiner Meinung nach die Bestaufnahme von mir. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich nun – genauso wie Ihr ein Bild von mir habt – ein Bild von Euch bekäme. Ich habe Eure lieben Gesichter nun schon ein halbes Jahr nicht mehr gesehen. Bald weiß ich schon garnicht mehr, wie Ihr noch ausseht!

Das ist fein, daß Ihr jeden Abend ein Gesetz vom Rosenkranz für die Soldaten betet. Ich habe zwar auch den Rosenkranz bei mir, fand aber noch keine Gelegenheit, ihn zu beten. Wohl habe ich beim Kommiß schon mal den Altenberger Rosenkranz gebetet, der mir wegen seiner kürzeren Form sehr zusagt.

2.IV.

Daß ich „gottlos“ werde, liebe Mutter, brauchst Du nicht zu befürchten. Übrigens hatten wir gestern unseren ersten Feldgottesdienst in Rußland, zu dem auch unser General erschienen war. Auf einem von großen Kiefern licht bewachsenen Raum war das Rednerpult aufgebaut, geschmückt mit der Hakenkreuzfahne. In Hufeisenform war die Abteilung mit Stahlhelm angetreten. Wir sangen das Lied: „Wir treten zum Beten.“ Dann gedachten wir der gefallenen Kameraden unserer Abteilung und sandten ihnen als Gruß das Lied vom guten Kameraden. Der protestantische und der kath. Divisionspfarrer waren anwesend. Ersterer hielt nun eine Ansprache über das Wort: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“ Er sprach

von der dreifachen Treue, von der Treue zu den Kameraden, von der Treue zur Heimat und von der Treue zu Gott; und daß uns für diese Treue ewiger Lohn zuteil werde. Anschließend an die Ansprache sprach der Divisionspfarrer für alle ein Gebet, nachdem das Kommando „Helm ab zum Gebet“ gegeben worden war. Zum Schluß erklang das Lied: „Ich hab mich ergeben“. Nach dem Gottesdienst sprach der General einige Worte zu uns und zeichnete eine Reihe Leute mit dem E.K. II und dem Sturmabzeichen aus. Er sprach – wie vorher auch schon der Rittmeister – seine Anerkennung aus für unseren Einsatz. – So habe ich wenigstens schon mal einen Feldgottesdienst mitgemacht, wenn auch die Aussichten, dem hl. Meßopfer beizuwohnen oder die hl. Sakramente zu empfangen, sehr gering sind.

Liebe Mutter, Du schreibst, daß zur Ukraine 100g-Päckchen noch geschickt werden können. Falls das jetzt noch zutrifft, müßte ich ja noch welche bekommen können, denn ich bin ja hier in der Ukraine. Für Deine diesbezüglichen Bemühungen danke ich Dir. Ich habe schon wieder Wünsche für den Fall der Möglichkeit: Mein großes Taschenmesser, das ich zum Brotschneiden benutzte, habe ich verloren. Falls Vater noch ein solches hat oder auftreiben kann (Scheepers) – es kann mit einer Klinge mit oder ohne Büchsenöffner sein – bitte ich darum, denn mit dem Messer meines Eßbesteckes ist das schon so ein Behelf. Dann könnt Ihr mir in einem Umschlag etwas mittelstarke Kordel schicken, die ich immer gut gebrauchen kann.

Es ist sehr bedauerlich, daß Ihr wieder so stark vom Tommy heimgesucht werdet. Ich hörte, daß in Essen bei einem Angriff 14000 Obdachlose gewesen seien. Na, Ihr könnt

Euch darauf verlassen, daß der Tommy das heimgezahlt bekommt, was Ihr jetzt daheim leiden müßt. Viele Soldaten hier im Osten warten schon auf den Augenblick, wo sie gegen England eingesetzt werden. Dann gibt es kein Pardon mehr. – Haben Günter und Fritz schon das Kriegsverdienstkreuz für ihren Einsatz als freiwillige Feuerwehr? Lieber Fritz, ich gratuliere Dir zur bestandenen Prüfung. Schade, daß nun der Schulbetrieb still steht, denn was Du da versäumst, läßt sich nicht nachholen. Wenn auch die Badeanstalt kaputt ist, so kannst Du Dich immerhin noch vernünftig in der Badewanne reinigen. Ich habe nun schon seit einem halben Jahr nicht mehr in der Badewanne gesessen und seit der Abfahrt aus Frankreich meinen Körper noch nicht einmal von oben bis unten abschrubben können. Du weißt es gar nicht, wie gut Du es hast. Hier muß ich alle paar Tage meine Wäsche nachsehen, ob sich nicht liebliche Tierchen darin eingenistet haben. Bisher habe ich Gott sei Dank erst eine Laus geknackt. Flöhe dagegen plagen einen öfter (Wirkung: ähnlich wie Mückenstiche). Bald können wir wieder in den Flüssen schwimmen. Wir sehnen uns schon danach. –

Lieber Günter, vielleicht erreicht Dich dieser Brief schon nicht mehr. Hoffentlich hast Du wenigstens noch etwas Freude Dir machen können in Deinem Urlaub, trotz der nächtlichen Kellersitzungen und der vielen Arbeit im Geschäft. Für die Zukunft wünsche ich Dir alles Gute. Halte auch beim Kommiß die Ohren steif!

Friedrich der Große sagte: „Es wird das Jahr stark und scharf hergehen, aber man muß die Ohren steif halten, und jeder, der Ehre und Liebe vor das Vaterland hat, muß alles dran setzen.“ Paßt das nicht auch heute?

Lieber Vater! Du hast ja jetzt einen netten Rummel am Hals. Bei den großen Bombenschäden und dem Ausfall der Essener Firmen wird sich der Betrieb ja sehr gesteigert haben. Nach Günters Aufzählung zu urteilen, muß der Wareneingang ja kaum auf den Lägern unterzubringen sein. Hoffentlich gelingt es Dir, noch eine Kraft zu bekommen, da es sonst doch zu viel Arbeit für Dich wird. Fritz hilft sicher kräftig im Geschäft wo er jetzt Ferien hat. Ich wünsche Dir für die Zukunft des Geschäftes alles Gute.

Wir sind seit gestern wieder in Ruhequartieren. Wir werden wohl etwas länger hier liegen bleiben. Es tut uns auch not, das wir überholt werden, ebenso unsere Klamotten. – Ich habe nun genug geschrieben. Für heute Schluß.

Euch allen die herzlichsten Grüße,

Euer Karl Heinz.

P.S. Heute schicke ich Euch ein Paket mit meinem Pullover, meinen eigenen Strümpfen und eigenen Handschuhen, da ich das jetzt nicht mehr benötige.