Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 6. April 1943
Rußland, den 6.IV.43.
Meine Lieben!
Ich habe jetzt Quartierwache und sitze am Schreibtisch. Durch die kleinen Fenster lacht die Frühlingssonne zu mir herein, die schon eine große Kraft hat. Ich weiß nicht, ob Ihr daheim auch schon so schönes Wetter habt; jedenfalls wird bei Euch der Frühling schon seinen Einzug gehalten haben. Hier in Rußland gibt’s ja eigentlich keinen Frühling wie zu Hause. Noch sieht man hier kein Grün, aber eines Tages bricht es mit Macht hervor, und dann ist es gleich Sommer. Bei uns daheim ist das schöner: wie so langsam das erste Grün sich zeigt, wie die Knospen schwillen, wie sich vorsichtig die ersten Blumenköpfchen hervorwagen, nachts noch frierend in der Kühle, wie dann immer mehr und mehr die Sonne Kraft gewinnt und mit ihren Strahlen die Erde zu neuem Leben weckt, bis auf einmal – fast wie über Nacht – alles in Blüte steht. Die wunderbaren frischen Frühlingsfarben, angefangen von den verschiedensten Grüntönen bis zu der Buntheit
der Blumen erquicken die Augen. In diese herrliche Zeit des Aufbrechens nun ist ein großes Ereignis hineingestellt, das uns voll Freude macht: Der Herr ist auferstanden! Nachdem der Herr sich in unendlich großer Liebe hingegeben hatte als Sühneopfer für unsere Schuld, da steht er vor uns als Sieger über den Tod, als König des Lebens. Es ist, als ob die Natur ahnte, was an jenem Ostermorgen geschah. Sie schmückt sich und zieht ihr herrlichstes Gewand an, ihm zu Ehren, dem Fürst des Lebens. Ja, Du bist wahrhaft auferstanden vom Tod, Du Sieger, Du König, sieh unsere Not! Amen. Alleluja!
Meine Lieben! Ich wünsche Euch von ganzem Herzen reichen Gnadensegen des Auferstandenen, dazu ein recht frohes Osterfest.
Möge auch für unser Volk nach der Karwoche des Krieges bald ein strahlender Ostermorgen anbrechen.
Meine Lieben! Gestern erhielt ich Günters Karte vom Ausflug und Mutters und Vaters lb. Brief, sowie eine Reihe Zeitungen.
Ich danke herzlich dafür! Eure Glückwünsche zu meinem Geburtstag – ich danke – erreichten mich somit noch rechtzeitig. Den Tag werde ich wohl noch in Ruhe erleben. – Die Verpflegung, liebe Mutter, ist hier gut. Gestern bekamen wir pro Mann 50 g Bohnenkaffee; heute morgen habe ich schon ein paar starke Tassen davon getrunken. Gestern abend haben wir uns prima Bratkartoffeln gemacht und anschließend Kakao getrunken! – Günter ist also jetzt Flieger geworden. Schreibt mir bitte seine Anschrift. – Fritz hat ja Glück, daß er bei dem schweren Fliegerangriff auf Essen in den letzten Tagen nicht dabei war. Ich las davon im Wehrmachtsbericht. Hoffentlich seid Ihr nicht dabei getroffen worden und ist in Steele nicht allzuviel kaputt. Der Tommy wird es büßen müssen, was er jetzt der Zivilbevölkerung antut! – Fein, daß Gisbert noch 14 Tage Urlaub hat. Es ist nur schade, daß er auf Ostern nicht zu Hause sein kann.
Lieber Vater! Du wirst ja jetzt mächtig schaffen müssen bei den großen Fliegerschäden. Schade, daß ich Dir nicht helfen kann, aber ich stehe hier auch auf wichtigem Posten. Gebe Gott, daß bald wieder Friede werde. – Für die prompte Zusendung der Zeitungen danke ich Dir.
Mutter bedauert, daß sie mir nichts schicken kann. Inzwischen ist aber die Sperre wieder aufgehoben worden, so daß 100g-Päckchen und 1 kg Päckchen mit Zulassungsmarke wieder angenommen werden. Ich glaube, liebe Mutter, daß Du sofort an mich Päckchen abgesandt hast. Ich freue mich schon darauf. Nun könnt Ihr ja auch meine Wünsche erfüllen, die ich in den letzten Briefen äußerte und nun wieder aufschreibe: Ich bitte um etwas Traumaplast für kleine Verletzungen, um Zucker und um Süßstoff (falls es den noch gibt, bitte nicht zu knapp). Dann kann ich auch zwei 20 Pfg.-Marken gebrauchen, falls ich noch mal etwas nach Hause zu schicken habe. Weiter benötige ich eine viereckige Normalbatterie. Hoffentlich belästige ich Euch nicht zuviel mit meinen Wünschen. Zulassungsmarken werden wir wohl nächstens wieder bekommen. Ich glaube, liebe Mutter, Du hast auch noch ein oder zwei von Frankreich her. – Anbei schicke ich 60,- RM, die Vater bitte auf mein Sparkonto bringen mag.
Nun will ich schließen. Fritz wünsche ich, sich gut erholt zu haben. Euch allen sende ich herzliche Grüße und wünsche nochmals frohe Ostern,
Euer Karl Heinz