Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 29. April 1943
Rußland, den 29.IV.43.
Liebe Mutter!
Weit entfernt von seinen Lieben
Steht Dein Sohn in Feindesland,
Um für Deutschlands Sieg zu kämpfen
Mit der Waffe in der Hand.
Heut’, in einer stillen Stunde,
Denke ich an jene Zeit,
Wo ich noch zu Hause weilte,
Unbeschwert von allem Leid.
In mir schäumte junges Leben,
Das sich suchte seinen Weg,
Während über meinem Haupte
Deine Hände waren reg’.
Deine guten Hände lenkten
Still und fein mich jederzeit,
Daß nicht meine Füße liefen
In der Welt Verderblichkeit.
Deine treuen Hände sind es,
Die mich schon von Kindheit an
Mit viel Mühe vorwärts führten
Auf der rechten Lebensbahn.
In unendlich großer Liebe
Regten Deine Hände sich,
Um zu schaffen und zu wirken
Für die Deinen, auch für mich.
Nun, wo ich in Rußland stehe,
Da mein Weg zum Feinde geht,
Hebest Du zu Gott die Hände
Auf in innigem Gebet.
Ach, wie soll ich es Dir lohnen,
Was Du hast an mir getan.
Küssen möcht ich Deine Hände
immerfort, so oft ich kann.
Zu dem Ehrentag der Mutter
In dem schönen Monat Mai
Wünsch’ ich Dir das Allerbeste,
Gottes reiche Gnad dabei.
Gestern kamen wir beim Morgengrauen hier im Ort an, nachdem wir in der Nacht 80 km gefahren waren. In den nächsten Tagen geht es wieder weiter. Wir fuhren hierher auf der Rollbahn. Vor Charkow war ein Stück prima asphaltierter Straße, das ich hier in Rußland niemals anzutreffen glaubte und auch wirklich eine Seltenheit ist. Da das Wetter schon sehr schön ist – im Augenblick freilich geht ein kleines Gewitter über das Land – haben wir unsere Zelte aufgeschlagen. Ich habe letzte Nacht zum ersten Mal im Zelt geschlafen.
Gerade kam Post an: Ein Brief von Dir einer von Fritz und drei Päckchen mit Bleistiften, Bonbons, je ein Notizbuch. Für alles meinen besten Dank. Das eine Büchlein ist gut, das andere habe ich verschenkt. Es freut mich, daß Du den Luftpostbrief bekommen hast. Hoffentlich läuft dieser etwas schneller. –
Sage Vater bitte, daß ich hier mit Geld gar nichts anfangen kann. Ich habe ja
schon Geld nach Hause geschickt (60 M). Fritz bestelle, daß ich vorläufig mit dem Mannschaftsstand zufrieden bin. Leutnant wird Gisbert hoffentlich bald.
Liebe Mutter! Ich schicke Dir mein altes, zerknittertes Tagebuch zu. Verwahre es bitte gut und zeige es außer Vater niemand. Es ist auch noch nicht in endgültiger Form, denn ich beabsichtige, es später noch einmal neu zu schreiben.
Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Kameraden haben eine Nachtübung, während ich als Quartierwache zurückbleibe. Heute war deutsches Varieté. Es soll sehr gut sein. Ich werde es mir morgen ansehen. – Schicke mir bitte Klebpapier und – wenn es geht – Klebstoff (Uhu oder ähnliches).
Nun wünsche ich Dir nochmal alles Gute und Gottes reichen Segen.
Frohe Grüße an alle, besonders aber an Dich, liebe Mutter, von Deinem Dich liebenden Sohn
Karl Heinz