Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 15. Mai 1943

Rußland, den 15.V.43.

Meine Lieben!

Gestern erhielt ich einige Briefe von Euch, die ich nacheinander beantworten will. Das Päckchen mit der Hautcreme habe ich bekommen und mich über die Qualität gefreut. Übrigens vergaß ich, glaube ich, mich für die Suppenwürfel zu bedanken, die ich schon vor einigen Tagen erhielt. Ebenso bekam ich gestern das Briefpapier, Karten und Marken sowie das Traumaplast. Für alles, auch für die Briefe, meinen besten Dank! Es freut mich, daß noch mehr gute Dinge unterwegs sind. Im Augenblick kann ich leider Puddingpulver und Suppenwürfel noch nicht verwenden, aber ich verwahre es für später. Eure bzw. Mutters Briefe vom 2., 4. und 8. Mai habe ich bekommen. So gut ich manchmal Reis, Grieß usw. gebrauchen könnte, hat es doch keinen Zweck, liebe Mutter, mir dieses zu schicken, da ich es nur in Ruhe (und dann noch nicht immer) verwenden kann. Augenblicklich sind wir wieder im Einsatz, weshalb ich solche Dinge nicht gebrauchen kann. Also besten Dank für Dein Angebot; vielleicht komme ich später mal darauf zurück. – Tante Nettchen und Vikar Holtmann schrieben mir auch. – Der Tommy war also wieder da. Na, solange nur die Fensterscheibe kaputt geht, ist es noch nicht so schlimm. Kellersitzungen sind hier auch üblich; wir liegen nämlich im Keller einer Schule. – Vater möge mir später mal schreiben, ob sich die Bezugscheine für unsere Branche und der Haushaltpaß bewährt haben. – Vikar Holtmann wird doch hoffentlich nicht eingezogen? Er schrieb mir selbst nicht davon.

Ich war erstaunt, als ich gestern gleich zwei Luftpostbriefe von Mutter erhielt und ahnte nichts Gutes. Vater hat also die Operation glücklich hinter sich und ist auf der Besserung. Hoffentlich krabbelt er sich wieder vollends hoch. Es ist nur bedauerlich, daß Vater sich nach der Gesundung wieder von Neuem in die Riesenarbeit stürzen muß. Ich hätte so gerne Vater jetzt schon im Geschäft entlastet, aber leider geht es nicht. Vater ist wirklich alt genug geworden und hat mehr als genug gearbeitet, so daß er jetzt Ruhe verdient hätte. Aber der Krieg fordert von allen Opfer und nimmt keine Rücksicht. Gebe Gott, daß der Krieg bald einem glücklichen Frieden weiche. Wir wollen darum beten und unseres dazu tun. Vater wünsche ich baldige Genesung und volle Gesundheit. – Für Dich, liebe Mutter, bedeutet das auch wieder Mehrarbeit. Der liebe Gott wird es einst lohnen!

Wie ich oben schon schrieb, sind wir wieder im Einsatz. Wir haben wieder Stellungen am Donez. Der Krieg ist hier, wie überall in Rußland, hauptsächlich nachts. Übel ist hier die Wasserversorgung, doch mit einiger Anstrengung läßt sich auch noch Wodi (russisch= Wasser) herausschaffen. – Mir fällt gerade ein, daß ich den Pudding vielleicht auch mit Wasser machen kann, wenn ich Milchpulver verwende. Falls Du, liebe Mutter, solches kaufen kannst, schicke mir es bitte. – Also, mir geht es immer noch gut. Macht Euch nur keine Sorgen um mich: Unkraut vergeht nicht, oder: Gute Ware hält sich; wie man’s nimmt!

Nun will ich zum Ende kommen. Morgen, liebe Mutter, ist Dein Ehrentag. Ich will dann Deiner im Gebet gedenken. – Anbei noch zwei Luftpostmarken.

Euch allen einen frohen Gruß und gute Besserung für Vater.

Euer Karl Heinz