Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 24. Mai 1943
Rußland, den 24.V.43.
Lieber Fritz!
Dein frischfröhlicher Brief hat mich gefreut. Über seine Länge habe ich freilich gestaunt, denn ich bin von Dir nicht mit Post verwöhnt worden. Bezüglich meiner Korrespondenz kann ich Dir nur mitteilen, daß diese, seit ich Soldat bin, sich nur vergrößert hat. Es ist wohl viel Schreiberei, aber man kann dann auch dafür viel Post einkassieren. Selten habe ich mal keine Post dabei. Was das heißt, Post bekommen, wirst Du später noch erfahren. Wenn Post verteilt wird, läßt man das Essen stehen! Der feierlichste Augenblick des Tages ist das Lesen der Briefe; man kommt mit einer anderen Welt, anders und besser als die des Landsers, in Berührung. – Mit dem Drahtesel zu fahren, macht in der Heimat Spaß. Wenn Du aber mit bepacktem Stahlroß daher fahren müßtest, wo ich hergefahren bin, blieb Dir noch manchmal die Spucke weg. Und erst die Pannen! Na, Schwamm drüber. Du und Frontkämpfer – ich muß lachen. Schimpft sich da der zukünftige Geschützrohrputzer „Frontkämpfer“. Tausch mit mir, dann kannst Du Pulverdampf riechen! Für heute genug.
Liebe Mutter! Ich danke Dir für Deine Zeilen und die Zeitungen. Das Gedicht habe ich mir mühsam zusammengebraut. – Mein Kamerad fuhr nach Wesel in Urlaub. Du mußt bedenken, daß jeder Urlaubstag kostbar ist, und daß niemand sich bei den Angehörigen der Kameraden aufhält, sondern macht, daß er heim kommt. – Es freut mich, daß es Vater nun besser geht. Bestell ihm die besten Grüße von mir. – In unserem Bunker haben wir heute einen Kamin eingebaut, in dem jetzt schon das Feuer prasselt. Es ist hier gar kein Maiwetter. Es regnet viel. Hoffentlich geht es Euch allen noch gut.
Es grüßt Euch herzlich
Euer Karl Heinz