Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 29. Mai 1943

Rußland, den 29.V.43.

Meine Lieben!

Endlich scheint heute wieder die Sonne nach trüben Regentagen. Es ist kein Vergnügen, durch nasse, matschige Gräben zu laufen und sich auf Posten durchregnen zu lassen. Aber jetzt wird es wohl endgültig Sommer. In den ersten Nächten, die wir hier in Stellung waren – es waren mondhelle Nächte – sangen die Nachtigallen wunderschön. Es gibt sehr viel davon in diesen Wäldern; ebenso zahlreich ist der Kuckuck. Wenn man bei schönem Wetter durch den Wald geht, wird man an deutsche Wälder erinnert, obwohl diese anders sind als die russischen. – Draussen singen und jubilieren die Vögel das Loblied Gottes, und hier liegen Menschen sich gegenüber mit dem Willen, sich gegenseitig zu vernichten. Seltener Zwiespalt: Hier Leben, dort Tod. Und doch soll aus dem Trümmerfeld des Krieges neues Leben erblühen.

Es scheint so, als ob wir in unserem Frontabschnitt nicht mehr zum Angriff antreten werden. Wir richten uns nämlich auf die Verteidigung ein. Ob man vor hat, im Osten die Front festzulegen durch den Bau eines Ostwalls, um Kräfte für England frei zu bekommen? Wir wollen abwarten und hoffen, daß Gott unser Volk aus aller Not herausführen wird. – Wir können es hier in den Stellungen schon aushalten, wenn auch das Leben eintönig und primitiv seinen Weg nimmt. Wahrscheinlich werden wir Anfang nächsten Monats abgelöst. 3 Wochen sind wir schon hier. Übrigens wurde vor kurzem Maurer durch Schulterdurchschuß verwundet. Er wird nach Deutschland ins Lazarett kommen.

Es grüßt Euch recht herzlich

Euer Karl Heinz