Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 4. Juni 1943

Rußland, den 4.VI.43.

Meine Lieben!

Draußen scheint die Sonne wieder herrlich. Es ist so wunderbar in der Natur. Schade, daß man sie nicht voll genießen kann. Wenn wir aus unserem Bunker herausgehen und uns außerhalb der Laufgräben bewegen, brennt uns der Russe schon was auf den Pelz. Abends im Halbdunkel beziehen wir unsere Stellung. Dazu geht die Gasmaske mit; scheinbar rechnet man noch mit Gaskrieg, denn wir haben jetzt noch neue Filter bekommen, und überall sind Gasalarmvorrichtungen. Wenn man nun im Loch steht – wir haben nachts noch Mäntel an – wird alles gefechtsklar gemacht. Die Handgranaten liegen abzugs- und wurfbereit, auf der Deckung liegt der entsicherte Karabiner. Solange noch ein wenig vom Tageslicht am Horizont hängt, ist noch nichts zu befürchten. Ich unterhalte mich mit meinem Nebenmann, bis es gegen ½ 11 völlig dunkel ist. Man ist froh, wenn es sternenklar ist oder gar der Mond scheint, denn dann kann man das Vorfeld besser beobachten. Ziehen aber dunkle Wolken daher und regnet es womöglich noch, dann kann man keine drei Meter weit sehen. Zwischen 11-1 Uhr ist die

gefährlichste Zeit. Gesprochen wird möglichst wenig, und dann nur im Flüsterton. Scharf sucht man vor sich das Gelände ab. Manchmal steigt eine Leuchtkugel hoch und erhellt für Sekunden das Niemandsland. Schnell blickt man in die Runde, doch nichts ist zu sehen. Ab und zu tackt ein russisches M.G., doch antworten unsere 42-M.G.s mit einigen Feuerstössen. Brrrrrrt – Brrrrrrt – Brrrrrrt – Brrrrrt knattert es, die Leuchtspur jagt zum jenseitigen Ufer. Einzelne Karabinerschüsse dazwischen, dann wieder Ruhe. Manchmal kommen deutsche Flieger und werfen Bomben. „Iwan“, das gepanzerte russische Flugzeug, ist jede Nacht da und feuert aus seinen Bord-M.G.s herunter. Selten gibt es Granatwerfer- oder Ariefeuer. So steht man im Erdloch, starrt in die Dunkelheit. Oft wollen einem die Augen zufallen, doch wackele ich ständig mit den Knien, damit ich nicht einpenne. Steigt eine rote oder grüne Leuchtkugel beim Russen hoch, heißt es besonders aufpassen, weil dann meistens etwas im Anzug ist. Ebenso wird man mißtrauisch, wenn der Gegner nicht schießt, weil man dann einen feindlichen Spähtrupp erwarten kann. Langsam, sehr langsam, verrinnt die Zeit. Gegen 1 Uhr zeigt sich ganz schwach die erste Helle des neuen Tages am Horizont. Gott sei Dank, nun ist nicht viel mehr zu befürchten.

Gegen 3 Uhr werden die Stellungen geräumt. In der Frühe ist es kühl geworden, und man freut sich, nun in den Bunker zu kommen. Nach ausgiebigem Frühstück legen wir uns schlafen. Die Nacht ist für uns zum Tag, der Tag zur Nacht geworden.

Das war ein kleiner Stimmungsbericht. Ich hoffe, daß Ihr meine Briefe aufbewahrt da sie mir für das endgültige Tagebuch als Unterlage dienen sollen. – Heute morgen habe ich Pudding gemacht. Es fehlte nur Milchpulver darin. – Schickt mir bitte Feldpostbriefe, da mein Bestand zur Neige geht. Anbei lege ich 2 Zulassungsmarken und 4 Luftpostmarken (Wir bekommen jetzt monatlich 8 Lp.Marken). – Gestern wurden wir geimpft bzw. bekamen eine Spritze.

Hoffentlich geht es Euch noch gut. Ich wünsche Euch alles Wünschenswerte und grüße Euch herzlich,

Euer Karl Heinz