Karl-Heinz Kranz an seine Mutter Berta, 19. Juni1943

Rußland, den 19.VI.43.

Liebe Mutter!

Heute erhielt ich Deinen lb. Luftpostbrief von Pfingstmontag, wofür ich herzlich danke. Ebenso erhielt ich ein Päckchen mit Zitronenpulver. Besten Dank. Bei der Hitze kann ich es gut gebrauchen. Die Erdbeermarmelade habe ich schon aufgefuttert. Sie war einfach köstlich.

In der letzten Nacht sind wir aus den Stellungen abgerückt. Für 5 Tage werden wir abgelöst, dann müssen wir wieder in dieselben Stellungen. Heute morgen haben wir unsere Klamotten abgegeben zur Entlassung. Jetzt können wir uns im Bach mal wieder vernünftig baden. Wir liegen ungefähr dort, wo wir vor unserem Marsch in die Stellungen schon waren. Heute abend schlagen wir wieder unsere Zelte auf. – Sonst gibt es nichts Neues zu berichten.

Nun zu Deinem Brief! Es ist bedauerlich, daß der Tommy immer noch seine Angriffe auf deutsche Städte fortsetzt. Ich möchte, wir könnten es ihm schon heimzahlen. Aber Rußland kämpft noch. – Die Kirmes in Steele ist ein trauriges Zeichen der Zeit. Mir scheint, daß der Krieg noch nicht zu Ende gehen kann, weil das Volk noch zu blind ist. Vielleicht schickt Gott unserem Volke noch schwere Leiden und Prüfung, damit es geläutert werde und endlich aus seiner Verblendung erwache. Mir scheint, als ob wir noch Schweres durchmachen müssen, wenn der Krieg seinen tiefen Sinn behalten soll. Wollen wir Gott bitten, daß er unser Volk heimführe, nicht heimsuche! –

Was mein Tagebuch anbelangt, so bin ich froh, daß Du es recht verstanden, vor allem mich recht verstanden hast. Ich gebe zu, daß ich Dir eigentlich recht wenig von der Jugendarbeit erzählt habe, so daß Du mich manchmal mißverstehen mußtest. Um so mehr freue ich mich, daß Dir mein Tagebuch etwas Aufklärung gab. Die Jugendarbeit ist mir auch jetzt noch eine wichtige Aufgabe. Ich stehe in ständiger Verbindung mit den Jungen und Jungmännern, ebenso mit Kpl. Vogel (Horst), dem Dekanatsjugendseelsorger. – Du meinst, die Tage, an denen ich die Schwadron verloren hatte, wären schlimm gewesen. Das kann ich keineswegs behaupten, denn sie waren in mancher Hinsicht sogar sehr interessant. Natürlich war ich andererseits auch wieder froh, als ich meinen Haufen wieder erreicht hatte. Der schlimmste Tag für mich in meiner ganzen bisherigen Soldatenzeit war der 16. März, der Tag von Korobow, an dem unsere Schwadron die Feuertaufe und gleichzeitig die bisher größten Verluste erhielt. Ich werde Dir später einmal im Urlaub darüber erzählen. Übrigens bezüglich Urlaub dies: Es sollen bis Oktober alle Divisionsangehörigen, die in diesem Jahr noch nicht in Urlaub waren, in Urlaub fahren. Ab Oktober ist für uns wie üblich wieder Urlaubssperre. Ich habe also doch noch Aussichten!

Liebe Mutter, wenn Du von der Zitronensäure „Suran“ noch genug bekommen kannst, schicke mir bitte jede Woche ein Päckchen mit 7 Beuteln für jeden Tag eins! Es schmeckt fabelhaft und löscht vor allem bei der Hitze bedeutend besser den Durst als Brausepulver. Hoffentlich ist diese Bitte nicht zu unverschämt. Außerdem brauche ich wieder einen Schmirgelblock „Artifea“.

Nun will ich schließen. Grüße Vater und Fritz recht herzlich von mir. Dir einen besonders dicken Gruß von
Deinem Dich liebenden Sohn
Karl Heinz

Luftfeldpost!
An
Frau Berta Kranz,
Essen-Steele,
Postfach 21

Absender: Soldat K. H. Kranz
48583

Liebe Mutter, Du fragst, ob Fritz das Tagebuch nicht einmal lesen darf. Eigentlich soll das Buch für mich ein Erinnerungsbuch und darüber hinaus ein Charakterbuch sein, das nur für mich allein bestimmt ist. Es soll ja keine Selbstbiographie für andere Leute sein. Zudem weiß ich nicht, ob Fritz davon Nutzen hat. Wenn Du aber meinst, daß er dadurch gewinnen könne, so gib es ihm meinetwegen. Ich möchte aber nicht, daß Du daraus ein Exempel machst. Fritz soll sich allein damit auseindersetzen. In meiner Bücherreihe seht ein Heft: Der Weg des Soldaten Johannes. Es ist aus den Briefen und dem Tagebuch des im Frankreichfeldzuges gefallenen Hans Niermann, eines bedeutenden Jugendführers. Dies empfehle ich Dir sehr. Vielleicht kann es auch Fritz schon vertragen. –

Die Luftpostmarken waren mir auch zusammengeklebt. Du brauchst sie dann nur in Wasser zu legen und nachher mit Klebstoff zu befestigen. –

Von Vater erhielt ich eine Karte aus Wakenfeld, für die ich vielmals danke.