Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 24. Juni 1943

Rußland, den 24.VI.43.

Meine Lieben!

Gestern bekam ich Euren lieben Brief vom Pfingstsonntag, wofür ich vielmals danke. Es freut mich sehr, liebe Mutter, daß Du mir wieder ein 2 kg-Paket fertig gemacht hast. Schon im voraus meinen besten Dank. – Ja, liebe Mutter, daß wir mal wieder alle zusammen zu Hause um den Tisch sitzen können, wird wohl für die erste Zeit nicht möglich sein, aber wenn wir es nach dem Krieg alle gesund und munter tun können, so wollen wir Gott danken.

Lieber Fritz, Dein Brief hat mich gefreut und danke ich vielmals dafür. Daß ich jeden Tag Post erhalte, ist je etwas übertrieben, aber immerhin ist die Freude an den Briefen nicht geringer, wenn ihre Zahl sich steigert. Na, Du wirst es schon noch merken. Bezüglich der Kirmes schrieb ich in meinem letzten Brief ja schon einige Worte. Es ist uns große Aufgabe, für unser verblendetes Volk zu beten.

Nun will ich einiges schreiben über unsere Ruhetage, die uns keine Ruhe brachten. Wir sind nämlich alle froh wieder in Stellung zu sein, weil wir hier mehr Ruhe haben als hinten. Als wir nachts in unserem Ruhequartier ankamen, schliefen wir noch 2 Stunden und gaben dann unsere Klamotten zur Entlausung; wir bekamen sie am Abend wieder. Tatsächlich habe ich augenblicklich keine Partisanen mehr. Dann machten wir Waffenreinigen und gingen baden im Bach. Nach dem Essen bauten wir bis abends an unseren Zelten. Ich weiß nun auch nicht mehr alles in rechter Reihenfolge zu schildern. Jedenfalls fand ich nicht mal Zeit, einen Brief zu schreiben. Wir sahen in diesen Tagen zweimal ein fabelhaftes Varieté, beide von unserer Division zusammengestellt. Man muß tatsächlich staunen, wie sehr unsere Soldaten direkt hinter der Front mit Frontbühnen und Kino versorgt werden. Übrigens waren wir von den Stellungen aus mal zum Kino gegangen. Der Film „Sommerliebe“ hat mich freilich enttäuscht. Aber man muß sich mal vorstellen, man kommt von der HKL, geht ins Kino und steht anschließend wieder in Stellung! – Unser neuer Rittmeister machte einen Abteilungsappell. Weiter machten wir eine große Übung mit Rädern. Abends um 23 Uhr standen wir auf, anderntags um 14 Uhr kamen wir wieder an, erschossen wie junge Hunde. Zum Zweck der Übung wurden Platzpatronen ausgegeben. Man stelle sich vor: Wenige km hinter der Front Platzpatronenkrieg! Na, bei Preußen darf man sich über nichts wundern. Zu der Übung waren einige Herren des Divisionsstabes erschienen, die sich die Sache ansahen. – Mit Marketenderwaren wurden wir gut versorgt. Wir bekamen zweimal eine halbe Flasche Rahabas (Schnapps) pro Nase und etliche Rauchwaren. Da unsere beiden Schnappspinckes im Zugtrupp kaputtgegangen sind, bitte ich um 2 stabile neue. Ich schrieb ja schon deswegen. Ebenso brauche ich einen Hosenträger. Schickt mir bitte je 100 g 2“ und 2 ½“ Nägel. Hier sind nämlich Nägel kaum aufzutreiben. – Das Puddingpulver, das Mutter mir schickte, habe ich schon verwendet. Wir haben einen Milchpudding davon gemacht. Es kamen nämlich morgens früh Frauen, die eine Flasche Milch (3/4 l) gegen ein halbes Brot tauschten. Da wir Brot massig haben, sind wir denn so an Milch gekommen. – Vorgestern war Feldgottesdienst, und anschließend für die Katholiken Meßfeier. Ihr könnt Euch ja vorstellen, wie froh ich darüber war. Wir bekamen die Generalabsolution und konnten die Hl. Kommunion empfangen. Das war

besonders erfreulich, da wir ja heute Fronleichnam haben. Der Gottesdienst fand in einer Waldschlucht statt. – Im großen und ganzen hatten wir in den 5 Tagen einige erfreuliche Dinge erlebt, doch kam alles Schlag auf Schlag, so daß von Ruhe eigentlich nicht gesprochen werden kann. – Ich habe nun 2 Einzelaufnahmen von mir machen lassen, deren Negative ich bekomme, so daß Ihr davon mehrere Abzüge machen lassen könnt. Sobald ich diese habe, schicke ich sie Euch zu.

Für heute will ich schließen. Herzliche Grüße sendet Euch
Euer Karl Heinz

Feldpost 27.6.43
An
Familie G. Kranz,
Essen-Steele,
Postfach 21

Absender: Soldat K. H. Kranz
48583