Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 16. Juli 1943

Rußland, den 16.VII.43

Meine Lieben!

Bei einer Verwundung ist es nicht geblieben. Gestern bekam ich schon meine zweite Verwundung. Wenn man erst einmal damit anfängt, will’s nicht mehr aufhören. Ich will nun kurz berichten, wie es geschah. Gestern morgen machten wir einen Angriff. Wir warfen den Russen aus seinem Graben und besetzten ihn. Doch der Gegner, der zahlenmäßig weit überlegen war, machte mit starken Kräften einen Gegenstoß, so daß wir die Stellung räumen mußten, wenn wir nicht alle abgemurkst werden wollten, denn wir waren mit unseren paar Leuten allein auf uns angewiesen und hatten keine Verbindung mit den Kameraden. Hals über Kopf ging alles türmen. Jeder sah zu, daß er sein Leben rettete. Es war tatsächlich ein Rennen auf Leben und Tod. Wehe dem, der so verwundet wurde, daß er nicht mehr weiter konne! Plötzlich spürte ich einen Schlag gegen die Brust. Ich kümmerte mich weiter nicht darum, da ich keinen Schmerz spürte. Wie ich nachher feststellte, war ein Geschoß durch die Patronentasche, die mit Munition gefüllt war, bis auf die Haut durchgedrungen und hinterließ nur eine Prellung, nicht mal eine Wunde. Da hatte ich großes Glück gehabt. Beim Weiterlaufen erhielt ich einen Schuß in den Oberschenkel. Von allen Seiten erhielten wir ein mörderisches M.G.-Feuer, dazu kam ein kräftiger Ariesegen, und von hinten stürmte der Russe heran. Mich wundert es jetzt noch, daß ich so wenig abbekam. Es gelang uns, unter den Drahtverhau durchzuklettern und uns zu retten. Viele waren verwundet, manche kamen nicht mehr raus aus der Hölle. Ich danke Gott, daß er mich so gut beschirmte. Mein Schuß wird ärztlich bezeichnet: oberflächlicher Weichteildurchschuß am linken Oberschenkel. Die Wunde ist gering. Einschuß und Ausschuß liegen dicht beieinander. Schmerzen habe ich keine, und laufen kann ich nach wie vor. Nachdem ich also aus dem Hexenkessel raus war, ging ich mit ein paar Unverwundeten in unsere alte Stellung zur Verteidigung. Der Russe kam aber nicht nach, sondern nahm nur seine alten Stellungen wieder. So ging ich denn nach einiger Zeit zum Truppenverbandsplatz, von wo aus ich über den Hauptverbandsplatz ins Feldlazarett gebracht wurde. Ich bin erstaunt, daß ich mit meiner Lapalie so weit komme und kann es mir nur damit erklären, daß die Verbandsplätze Luft haben wollen. Na, ich hab nun wenigstens ein paar Tage Ruhe, kann mich ausschlafen, vernünftig waschen, werde entlaust, bekomme gutes Essen – na, was will man denn noch mehr! Schreibt bitte an meine alte Feldpostnummer weiter. Ich rechne damit, in 8 Tagen wieder beim Haufen zu sein.

Es grüßt Euch alle recht herzlich,

Euer Karl Heinz