Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 23. Juli 1943

Rußland, den 23.VII.43.

Meine Lieben!

Ich befinde mich noch immer im Lazarett. Meine Wunde heilt gut, und ich rechne damit, im Laufe der kommenden Woche entlassen zu werden. Bei der Einheit wird man froh sein, wieder einen Schützen mehr zu haben, denn die harten Kämpfe haben natürlich auch Ausfälle gebracht. Ich freue mich schon darauf, die sich dort bei der Truppe inzwischen angesammelte Post studieren zu können. Vielleicht sind inzwischen schon Eure Päckchen eingetrudelt. – Hier geht es mir gut. Vorgestern und gestern war hier Kino. Ich sah die Filme „Altes Herz wird wieder jung“ (Emil Jannings) und „Hab mich lieb“ (Marika Röck). Die „Wochenschau“ löst unter uns Frontsoldaten nur bitterhöhnisches Gelächter aus. Aber sie wird ja schließlich auch von der Propagandakompanie gedreht und dient nur zur Propaganda. – Das Essen ist gut und kann man mit der Verpflegung zufrieden sein. – Meine Hauptbeschäftigung besteht hier im Lesen. Wenn auch die Bücherkiste des Lazarettes keine Goldgrube ist, so habe ich doch noch einige gute Bücher gefunden. Ich las von Gottfried Keller „Züricher Novellen“ und lese jetzt „Unseres Herrgotts Kanzlei“. Weiter lieh ich mir aus „Novellen“ von Theodor Storm und „Der Barbier von Sevilla“ von Grupe-Lörcher. So habe ich wenigstens etwas Beschäftigung. – Wir liegen in den Häusern der Zivilisten, die für Verwundete eingerichtet wurden. Die Zivilisten wohnen in den dazugehörigen Schuppen. Hier sind große Mengen Stubenfliegen, die uns dauernd pisaken und ärgern. Fliegenfänger und Flitspritze vermögen sie nicht restlos zu vertreiben. Nur des nachts hat man Ruhe vor den Quälgeistern.

Fritz gratuliere ich zu seinem Geburtstag. Hoffentlich hat er es gut bei der Flak. Für heute, liebe Eltern, sende ich Euch frohe Grüße,

Euer Karl Heinz