Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 25. Juli 1943

Rußland, den 25.VII.43.

Lieber Mutter!

Zunächst sende ich Dir einen frohen Sonntagsgruß. Ja, Du hast es jetzt auch nicht leicht zu Hause. Ich weiß, wie Du von früh bis spät schaffen mußt, ich weiß auch, wie Du dazwischen oft an Deine vier Sohne denkst, die nun alle im Dienst des Vaterlandes ihre Pflicht tun. Einsam ist es um Dich geworden, und abends, wenn Du müde im Sessel sitzt, - ich sehe das Bild wie in Wirklichkeit vor meinem geistigen Auge – Vater hat sich in seine Zeitungen und Fachblätter vertieft, der Schein der Tischlampe liegt auf der Decke, während das übrige Zimmer in Halbdunkel getaucht ist, ja dann denkst Du an uns und Deine Sorge umfaßt uns liebend. Schwer ist Dein und Vaters Stand. Viel Arbeit und Not bringt der Krieg. Dazu noch die nächtlichen Störungen; und dann die Sorge um die Söhne. Wie mag es ihnen jetzt gehen, was tun sie, wo sind sie nun? so denkst Du, und Dein Gebet erfleht Gottes Segen auf uns. Ach, liebe Mutter, es geht uns allen ja noch gut. Der liebe Gott schützt uns. Und sollte doch einmal ein großes Leid über uns kommen, so wollen wir es geduldig tragen, denn es ist Gottes Wille, der immer geschehe. Unergründlich sind seine Wege, und was er tut, ist wohlgetan.

Liebe Mutter, ich schenkte Dir damals mal ein Buch mit den Psalmen. Ich weiß nicht, ob Du schon mal in das grüne Buch hineingeschaut hast. Ich möchte Dich bitten, daß Du es tun mögest. Es stehen dort herrliche Lieder. In jeder Lebenslage bringen die Psalmen uns Erbauung und Geisteserquickung. In meiner Kepplerbibel, die ich immer bei mir trage, stehen auch alle Psalmen aufgeschrieben. Wenn ich mal ein ruhiges Stündchen finde, um Gottes Wort zu lesen, so unterlasse ich es nie, einige der herrlichen Psalme zu beten; und immer stärkten sie mich, ob in Freud oder Leid. So möchte ich Dir diese Kraftquelle empfehlen, falls Du sie nicht schon längst benützt hast.

Ich hab nun meinem Herzen Luft gemacht und möchte Dir noch kurz von mir berichten. Am Freitag sahen wir ein Varieté, ausgeführt von Ukrainern. Die Darbietungen waren bescheiden, doch boten sie eine kleine Abwechslung. Heute gibt es wieder prima Essen: Möhren, Kartoffeln, Gulasch, Pudding, und heute Abend wieder Kakao. Du siehst, wir leben nicht schlecht!

Grüße Vater recht herzlich von mir.

Frohe Grüße sendet Dir

Dein Dich liebender Sohn Karl Heinz.