Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 1. August 1943
Rußland, den 1.VIII.43.
Liebe Eltern!
Als ich am Freitag beim Verbinden dem Oberarzt mein Urlaubsgesuch zum Unterschreiben vorlegen wollte, fragte er mich, ehe ich etwas sagte, wann ich zuletzt in Urlaub gewesen sei. Ich sagte: „Überhaupt noch nicht.“ „Wie lange sind Sie Soldat?“ „Seit Oktober.“ „Na“, meinte er, „dann können Sie ja in Urlaub fahren. Kommen Sie heute um 3 Uhr zum O.P. Dort wird ein Urlaubsgesuch aufgesetzt, daß ich unterschreibe. Es dauert doch noch 14 Tage mit Ihnen, bis dahin ist der Urlaubsschein hier.“ Na, Ihr könnt Euch meine Freude vorstellen. Ich brauchte nur den vorgetippten Wisch zu unterschreiben. Bezüglich der 14 Tage: Die Wunde heilt zwar gut, aber gut Ding muß gut Weile haben. Es geht doch nicht so schnell, wie ich erst dachte. Nun bin ich schon 2 ½ Woche hier. Im Urlaubsgesuch stand so ähnlich: zur Ausheilung der Wunde bei ambulanter Behandlung im Heimatlazarett. Das ist nur zur besseren Wirkung des Urlaubsgesuchs, denn bis ich fahre, bin ich wieder vollauf heil; dies sagte auch der Oberarzt. Somit sind meine Hoffnungen auf Urlaub gewachsen, denn da aus der kämpfenden Truppe wohl kaum Leute in Urlaub geschickt werden, wird es mir um so eher möglich sein, nach Hause zu kommen. – Anbei lege ich zwei Zulassungsmarken, die ich von einem Kameraden bekam. Schickt mir aber nicht eher Päckchen, als bis ich Euch endgültig über den Urlaubsentscheid berichtet habe. – Heute abend bekommen wir ½ Pulle Sekt pro Nase. Vorige Tage gabs 4 Riegel feiner Cremschokolade. Heute mittag gibt es frische Salzkartoffeln, Gurkensalat, Gulasch, Pudding. –
Die alten Germanen hatten bekanntlich Runenzeichen. Eins davon, die Bar-Rune (..) hat die Bedeutung: „Dein Leben steht in Gottes Hand, vertrau dem Gotte in Dir.“ Der heidnische Spruch läßt sich auch christlich deuten. Wir sind Gottes Kinder, tragen Göttliches in uns. Wenn wir diesem Göttlichen in uns vertrauen, ihm folgen, dann geht es uns gut, denn Gottes Hand ist über uns.
Für heute will ich schließen. Ich hoffe, Euch bald wiederzusehen.
Die herzlichsten Grüße sendet Euch
Euer Sohn Karl Heinz