Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 14. August 1943
Rußland, den 14.VIII.43.
Liebe Eltern!
Gerade komme ich wieder vom Schwimmen. Es macht viel Freude, sich im Wasser herumzutummeln oder im hellen Sand zu liegen und sich im warmen Sonnenschein bräunen zu lassen. Beim vorletzten Mal haben wir einen alten Kahn genommen und mit den Händen paddelnd uns vorwärtsbewegt. Alle Viertelstunde mußten wir den Pott an Land ziehen und das Wasser ausschütten, wenn wir nicht versaufen wollten. Es machte trotzdem viel Spaß. – Gestern sahen wir ein Varieté, ausgeführt von Berliner Künstler und –innen. – Heute las ich Nietsches: „Zarathustra“ zu Ende. Hier habe ich ja Zeit und Muße genug, mich auch mit schwerer Literatur zu befassen. Jetzt habe ich mir „Abu Telfan“ von Wilhelm Raabe geholt. Ihr braucht übrigens keine Angst zu haben, daß ich vom Glauben abfalle, wenn ich
Ich tue das nur studienhalber, und das wird mir wohl keiner übel nehmen, selbst wenn auch Nietsche, soviel ich weiß, auf dem Index steht. – Es geht mir hier, wie Ihr seht, gut. Meinen Entlassungsschein habe ich nicht, aber der wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. – Heute bekamen wir wieder Marketenderwaren, darunter 60 Zigaretten, die ich bei nächster Gelegenheit Vater schicke. Vor einigen Tagen schickte ich ein Päckchen mit 120 Zigaretten. Gut Zug, Vater! – Wir haben auf unserer Stube, die 16 Mann faßt, einen Lautsprecher, sodaß wir Nachrichten und Musik hören können. Leider krächzt das Ding etwas, aber man gewöhnt sich an alles.
Für heute genug.
Herzliche Grüße sendet Euch
Euer Sohn
Karl Heinz
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