Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 18. August 1943

Rußland, den 18.VIII.43.

Liebe Eltern!

Vorgestern watzten wir von der Leichtkrankenabteilung nach Kiew. Ein Auto, daß wir anhielten, brachte uns zur Frontleitstelle. Nachdem wir dort gegessen hatten, erfuhren wir, daß wir erst heute nachmittag zur Frontleitstelle Poltawa fahren. Deshalb ließ ich mir einen Urlaubsschein ausstellen und ging bzw. fuhr mit der Straßenbahn in die Stadt, in der ich mit einem Kameraden einen Bummel machte. Es gab manch Interessantes zu sehen. Überall an den Hauptstraßen fand man winzige Verkaufsstände, wo man Obsts (Äpfel, Birnen, Pflaumen) Gebäck und Kuchen, Bonbons, Zigaretten, Eis und anderes verkaufte, alles Dinge die in Deutschland mehr oder weniger knapp sind. Natürlich gab es auch Sonnenblumenkerne zu kaufen.

Ihr müßt nämlich wissen, daß diese Kerne die „ukrainische Schokolade“ sind. Die Ukrainer nehmen die Kerne einzeln in den Mund, knacken mit den Zähnen die Schale auf, essen den öligen Kern und spucken die Schale aus. Diese Tätigkeit können sie stundenlang ausführen, wobei sie eine erstaunliche Geschicklichkeit entwickeln. Die Sonnenblumenkerne schmecken übrigens geröstet gut, nur ist es für den ungeübten eine Heidenarbeit, sie zu essen. Es gibt auch viele Landser, die aus Zeitvertreib die ukrainische Schokolade futtern. Vielleicht wißt Ihr, daß es in der Ukraine riesige Sonnenblumenfelder gibt, deren Erträge zur Ölgewinnung verwendet werden. Das ukrainische „masslo“ (Fett, Öl) ist ausschließlich Sonnenblumenöl. Einen ukrainischen Garten ohne eine hübsche Anzahl Sonnenblumen gibt es gar nicht. Nun habe ich aber genug von Sonnenblumen geschrieben!

Nun zurück zu meinen Beobachtungen.

Die Preise der genannten Waren sind natürlich unverschämt hoch, aber der Landser fragt nicht danach, denn er hat ja Geld genug. Ihm kommt es nicht darauf an, ob der Apfel 1 oder 2 RM kostet. Auf dem sogenannten Judenmarkt war viel Betrieb. Leider konnten wir ihn nicht aus der Nähe ansehen, weil das Betreten für Landser verboten ist. In Kiew ist nur wenig zerstört im Gegensatz zu Charkow. Wie in jeder größeren Stadt sind auch hier Soldatenheim und Kinos. – Da meine Schuhe noch nicht geschwärzt waren, ließ ich sie mir von einem Schuhputzer für 1,50 RM wienern, was einen seit langem ungewohnten Glanz zur Folge hatte. Nachher

kaufte ich zwei Büchlein zu je 1 RM (in Deutschland 30 Rpfg). Damit hatte ich genug ausgegeben, denn so gerne ich ein Stück Kuchen oder ein paar Äpfel gegessen hätte, so waren mir die Preise doch zu unverschämt. Übrigens kostete das Fahren mit der Straßenbahn auch für Zivil nichts. Die Bahnen waren alle übervoll, und an den Trittbrettern hingen nicht selten ein halbes Dutzend Menschen. Nachher ging ich ins Soldatenkino und sah den Film: „Menschen im Sturm“. – Nun muß ich bis heute mittag warten. Um 2 Uhr müssen wir antreten und werden in L.K.W.s zum Hbf. transportiert, von wo die Fahrt nach Poltawa los geht.

Für heute genug. Es grüßt Euch herzlich

Euer Karl Heinz

Anbei mein Urlaubschein. Hier wird viel auf Beutekarten gedruckt.