Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 25. August 1943
Rußland, d. 25.VIII.43.
Liebe Eltern!
Endlich, nach 6 Wochen, bekam ich mehrere dicke Briefe mit Feldpostbriefen, -karten und alten Briefen und Karten. Ich danke Euch recht herzlich. Es wird wohl ein langer Brief werden, bis ich alles beantwortet habe. Gerade ist wieder „Fertigmachen zum Abmarsch“ durchgegeben worden. Nun müssen wir auf weitere Befehle warten. Bis jetzt (Mittag) hatten wir Ruhe. Ich will Euch übrigens schnell das Gullasch-Rezept aufschreiben, was Mutter wohl interessiert: Kleingeschnittene Zwiebel in nicht zu geringer Menge werden in Butter gebräunt. Dann wird das Büchsenfleisch dazugeschüttet und unter ständigem Rühren etwas Tomate (kleingeschnitten) beigemengt. Dann gießt man Wasser dazu, läßt alles kochen, und fertig ist der Gullasch. Das sonst nicht besonders gut schmeckende Büchsenfleisch schmeckt auf die Art zubereitet zu Salzkartoffeln prima. Übrigens essen wir Tomaten und Gurken, die wir aus den Gärten holen, in Scheiben geschnitten mit Salz auf Brot; einmal etwas anderes! –
Liebe Eltern, Ihr könnt Euch meine Freude vorstellen, als ich die Post bekam, denn ich hatte noch garnicht damit gerechnet. Daß die Pakete alle zurück gingen, ist zwar schade, da einmal die Päckchenmarken verfallen sind und zum andern der Kuchen schlecht geworden sein wird. Auch bekomme ich in diesem Monat keine Marken,
da ich am 1. August, dem Stichtag für die Marken, im Lazarett war. – Ich wußte, daß Jeckstadt in Urlaub fuhr, aber da er beim Troß ist und ich ihn nicht näher kannte, wollte ich ihm nicht zumuten, mir ein Paket mitzubringen und ich hatte ihn nicht darum gebeten. Daß er es trotzdem tat, war nett von ihm. Daß er nun das Paket mit seinen Kameraden auffutterte, nachdem er es 14 Tage aufbewahrt hatte, ist nicht mehr als recht (wegen dem Verderben) und gönnte ich ihm es. – Bezüglich Urlaub muß ich wohl vorläufig auf allzu große Hoffnungen verzichten. Der Spieß meiner alten Schwadron hatte damals auf mein Urlaubsgesuch hin zum Feldlazarett hingeschrieben, daß er keine Platzkarte schicken könne, da unsere Schwadron solche nicht mehr bekäme, seitdem sie aufgelöst sei. Mich erreichte freilich das Schreiben wegen der Verlegung nicht mehr. Bei der neuen Schwadron sind die Aussichten natürlich fast null, weil ich ja nur kommandiert und nicht Schwadronsangehöriger bin. Es besteht aber die Aussicht, daß unsere dritte Schwadron (jetzt bin ich in der 1.) wieder aufgestellt wird, da unser alter Chef, der verwundet war, in Kürze wiederkommt. Heute haben wir auch wieder Ersatz bekommen. Also hoffnungslos ist der Fall nicht. – Die Lage hier vorne ist augenblicklich nicht schlecht. Die Kämpfe sind nach wie vor schwer.
Es werden auf beiden Seiten viel schwere Waffen eingesetzt. Der Russe will mit aller Gewalt die Ukraine haben, weil er deren Ernte unbedingt braucht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Ich bin der Meinung, daß der Krieg kein Jahr mehr dauert und zu unseren Gunsten endet.
Nun will ich die Briefe einzeln beantworten. Vaters Karten vom 1., 2. und 7.7.: Es freut mich sehr, daß Mutter und Fritz sich 10 Tage in Wakenfeld ausruhen konnten. Sie werden es wohl verdient haben und mehr als verdient. Hoffentlich hält die Erholung lange vor. Ich habe mich im Lazarett ja auch gut ausgeruht. Daß ich regelmäßig wieder nachts schlafen konnte, war schon eine Wohltat. Hoffentlich hast Du, lieber Vater, als Strohwitwer nicht Kohldampf geschoben und jene Pechsträhne gehabt, die die Witzzeichner manchmal zum Besten geben. – 1 Hosenträger bekam ich damals von unserem Oberwachtmeister, so daß ich im Augenblick keinen mehr gebrauche. Schnappsgläser kann ich jetzt auch nicht gebrauchen, da wir nur mit Sturmgepäck vorne sind und unsere Klamotten beim Troß liegen. Trotzdem danke ich natürlich für Deine Bemühungen, bitte aber, mir die Sachen nicht nochmal zu schicken, wenn sie zurückkommen.
29.VIII.43
Liebe Eltern!
Ich habe drei Tage sehr harten Einsatzes hinter mir. Ich bin glücklich wieder herausgekommen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was wir mitgemacht haben. Vielleicht berichte ich es später mal. Leider habe ich mein Tagebuch verloren, und ich bin darüber sehr traurig. Ich werde nun auch kein Tagebuch mehr führen, sondern in den Briefen alles berichten; Ihr mögt dann diese aufbewahren. Es war eines der beiden Dinge, die mir hier draußen am wertvollsten waren (das andere ist das NT.). Nun ja, die Hauptsache ist, ich habe noch das Leben. 30.VIII. Zweimal bin ich durch Zufall vor einer schweren Verwundung gerettet worden. – Macht Euch nur keine Sorgen um mich. Ich habe das feste Gefühl, daß ich Euch heil wiedersehen werden. Nun liegen wir in Ruhe. Wenn ich jetzt nicht mehr so häufig schreibe, so ist das auf die Einsätze zurückzuführen. Macht Euch also keine unnötigen Sorgen. Gott führt mich schon den richtigen Weg.
30.VIII. So, nun will ich kurz Eure Post beantworten; gestern bekam ich wieder Post (Brief + Zeitung) von Euch. Besten Dank. Vielmals danke ich Euch für die schönen Päckchen, die Ihr mir schicktet. Leider sind sie zurückgegangen, doch weiß ich, daß ich schon wieder welche unterwegs habe. Für die Fotos danke ich. Fritz sieht darauf sehr groß aus. Bestellt bitte dem Fritz viele Grüße von mir und schreibt mir mal seine Anschrift. Für seine Briefe danke ich herzlich. Gisbert und Günter (auch allen anderen Korrespondenten) habe ich seit meiner Verwundung nicht mehr geschrieben, weil ich keine Anschriften hatte. Hoffentlich habt Ihr mit meinen Privatsachen das Oktavheftchen mit diesen bekommen und schickt es mir schnell zu. – Ich danke für die Mundharmonika. Sie wird wohl bald hier eintrudeln. – Es freut mich zu hören, daß die Stimmung daheim nicht schlecht ist. Bedrückt sind wir hier draußen auch, aber das liegt an dem gewaltigen Erleben. Ich staune oft über die Zuversicht unserer Landser und bin froh darüber. Der Rußlandfeldzug wird jetzt entschieden und damit der Krieg. Wenn wir auch dem Russen jetzt etwas Raum lassen müssen; so muß er es mit seinen letzten Kräften bezahlen.
Gestern bekam ich mit der Post mein Verwundetenabzeichen. – Ich bin jetzt MG-Schütze I geworden. – Bei dem letzten Einsatz waren wir der Waffen SS unterstellt, die bekanntlich an den brenzeligsten Stellen eingesetzt wird. Der Artillerie- und Panzereinsatz war auf beiden Seiten groß. Ich habe gestaunt, wie gut die SS ausgerüstet sind. Sie sind voll motorisiert und haben die besten Sachen. Trotzdem sind sie schon ziemlich zusammengeschmolzen, unsere Ausfälle sind hauptsächlich an Verwundeten, die größtenteils nach einiger Zeit wieder zum Einsatz kommen, was natürlich bei den dauernden harten Einsätzen normal ist. In der vorletzten Nacht zogen wir uns planmäßig zurück auf eine neue HKL. Wir lösten uns als Letzte unbemerkt vom Feind, der uns durch Lautsprecher mit Musik und Rede von der Zwecklosigkeit unseres Kampfes überzeugen wollte. Ganz nett, daß uns der Russe sogar durch Lautsprecher unterhält. Die letzten Wochen waren sehr heiß. Ihr könnt Euch kaum die Qualen vorstellen, in der prallen Sonne zu liegen ohne genügend Kaffee zu haben. Ich habe jetzt gelernt, aus Durst Tomaten pfundweise zu essen, die ich früher überhaupt nicht mochte. Na, ich will nicht noch mehr davon schreiben.
Anbei 20 RM in russischer Währung, die Vater umtauschen mag, und die Verwundeten-Urkunde.
Für heute herzliche Grüße,
Euer Karl Heinz