Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 4. Oktober 1943

Rußland, den 4.X.43.

Liebe Eltern!

Seit langer Zeit finde ich mal etwas Zeit, Euch wieder einen Brief zu schreiben. Das liegt nicht an meiner Schreibfaulheit, sondern an den äußeren Umständen. Seit Wochen gingen unsere Truppen planmäßig zurück. Daß es dabei keine Ruhe gab, könnt Ihr Euch wohl denken. Die Kämpfe, die wir dabei zu bestehen hatten, waren hart und forderten den ganzen Mann. In den ersten Stunden des 29.IX. setzten wir mit den letzten Truppen über den Dnjepr, der nun die endgültige HKL sein soll. Dem Russen gelang es, in unserem Abschnitt einen Brückenkopf zu bilden, den wir nun seit einigen Tagen bekämpfen. Der Gegner hat sehr hohe Verluste, doch auch wir ließen Blut. Die Kämpfe sind hart und verbissen. Dazu kommt, daß wir uns wochenlang nicht waschen konnten, in der dreckigen Wäsche die Läuse kompanieweise schwärmen, man keinen vernünftigen Schlaf bekommt usw. Man ist körperlich und seelisch auf einem Tiefstand angelangt. Wir hoffen alle, in wenigen Tagen in Ruhe zu kommen. Über mich braucht Ihr Euch nicht zu sorgen. Trotz allem laß ich den Kopf nicht hängen. Ihr wißt meine Einstellung, und die wird durch nichts verschoben.

„Trotz allem, das Leben ist groß und Gott ist gut.“

Hans Niermann +

Ich führe, wie ich schon mal schrieb, eine Gruppe (8 Mann); diese ist auf Krädern und wurde für schnelle Einsätze (Spähtrupps, Sicherungen) verwendet. Seit dem 1.X. habe ich drei Tage unseren Zug geführt. Die vielen Ausfälle nahmen uns auch manchen Führer. Ich wurde bei den letzten Kämpfen zum dritten Mal verwundet durch einen Granatsplitter im Kinn, den ich heute entfernte (½ Erbse groß). Die Wunde ist natürlich gering und genügt ein kleines Pflaster als Verband. Da dieses meine dritte Verwundung ist, ist das Verwundetenabzeichen in Silber für mich beantragt worden. Außerdem bin ich zum EK II vorgeschlagen. – Meine Hand (rechts) ist noch nicht in Ordnung und heilt die eiternde Wunde nur sehr langsam, da es an der nötigen Pflege fehlt. – Augenblicklich fährt natürlich niemand in Urlaub, aber ich kann Euch erfreut mitteilen, daß ich auf die ersten kommenden Platzkarten Anspruch habe. –

Ich hoffe, Euch hiermit kurz das Wichtigste mitgeteilt zu haben. Eine große Bitte habe ich noch an Euch: Betet für mich. Ich kann mich nur noch selten zu einer Zwiesprache mit Gott aufraffen. Möge der Herr mir gnädig sein. – Hoffentlich erhalte ich bald wieder Post von Euch, Ihr Lieben. Gott schütze Euch und mich.

Seid vielmals gegrüßt von Eurem Euch liebenden Sohn

Karl Heinz

Schreibt mir nur noch über die Fpn. 23059, da meine andere (48583) nicht mehr existiert.