Karl-Heinz Kranz an seine Familie, 5. Oktober 1943
Rußland, den 5.X.43.
Liebe Eltern!
Heute bekam ich einen ganzen Berg Post. Außer zahlreichen Zeitungen hatte ich wohl an 30 Briefe und Karten, hauptsächlich von Euch. Ich danke Euch vielmals dafür. Manchen alten Brief, der mich nun doch endlich erreichte, brauche ich nicht zu beantworten, da er längst überholt ist. Ich will nun nur auf die für mich neuen Dinge eingehen. Schreibpapier, Sturmabzeichen und Soldbuchhülle habe ich dankend erhalten. Gestern abend bekam ich schon das Verwundetenabzeichen in Silber überreicht.
Über die Fotos von Günter und Fritz freute ich mich. Die Kerle sehen schneidig aus. Wenn ich daneben in meiner zerrissenen und verkommenen Rußlanduniform stehen soll, muß ich mich ja fast verkriechen; aber meine Uniform habe ich wenigstens in Ehren verschlissen. – Es freut mich, daß Mutter und Fritz in Neviges für mich beteten. Ich habe es sehr nötig. Vielleicht ist es gerade Euer Gebet, das mich hier draußen so gut beschützt. – Lieber Vater, bestelle Frl. Rennecken bitte viele Grüße von mir und frage, was die Bücherei so macht. – Daß Du, lieber Vater, auch noch
den Einheitsanzug verpaßt bekommst, will ich nicht hoffen. Wenn auch der Russe Leute von 60 und mehr Jahren in der Front hat, so werden wir das wohl noch nicht nötig haben. – Aus allen Euren Briefen sehe ich immer wieder eins herausfragen: Wann kommst Du in Urlaub. Es freut mich, daß Ihr Euch so nach mir sehnt, aber davon bekomme ich keine Platzkarte. Wir müssen halt warten, bis sich die Lage etwas günstiger gestaltet. Vielleicht komme ich schon bald, es kann aber auch noch etwas dauern. Jedenfalls rechne ich bestimmt damit, noch dieses Jahr Euch wiederzusehen. Es freut mich, daß Mutter mich im Urlaub so gut päppeln will. Hoffentlich verträgt mein Magen, der sich hier in Rußland an die tollsten Speisen gewöhnt hat, die gute Kost noch. – Gisbert, Günter und Fritz sind also glücklich binnen kurzem alle daheim gewesen. Was die aber hinter sich haben, habe ich noch vor mir, und die Vorfreude ist die schönste Freude. – Es freut mich sehr, liebe Mutter, daß Du gleich eine Menge 100 g-Päckchen mit den Utensilien losgeschickt hast. Hoffentlich erreichen sie mich in Ruhe, denn hier vorne kann ich die Hälfte nicht gebrauchen, weil wir ja kein Gepäck bei uns haben. Die Sachen von der Einheit stellen zwar nur einen Teil meines früheren Eigentums dar (vor allem vermisse ich den „Tintenkuli“!), aber es ist weiter ja nicht so schlimm. Die beiden Nummern der „Feldpost der Heimat“ erhielt ich heute gleichzeitig mit
der neuen Nummer. Hoffentlich kommen Deine Päckchen alle an, liebe Mutter. Die Paketpost läuft nämlich augenblicklich schlecht und kommt manches nicht an. Das Paket mit dem Feuerzeug habe ich immer noch nicht. Für die Gaumenfreuden, die für mich unterwegs sind, danke ich im voraus. – Also mein Kamerad Maurer ist schon wieder gesund? Fein, daß er Euch die Birnen brachte. Vielleicht sehe ich ihn hier bald wieder. – So, nun habe ich wohl alles beantwortet. Da Gisbert wohl schon wieder fort ist, wenn der Brief ankommt, kann ich ihm nicht schreiben, denn in Danzig wird ihn ein Brief von mir wohl kaum erreichen. Für seinen Brief vom 17.9. danke ich herzlich. Hoffentlich ist ihm das Soldatenglück hold.
Für heute die herzlichsten Grüße,
Euer Karl Heinz
Denkt an die Anschriftsänderung:
23059!